„Spieglein, Spieglein“: Münster-„Tatort“ zeigt die Ermittler in Doppelrollen

Die Ermittler rücken ins Visier eines Serienmörders: Szene aus dem „Tatort“ aus Münster mit Jan Josef Liefers, Axel Prahl, ChrisTine Urspruch und Mechthild Großmann (von links). Foto: WDR/Kost

„So sehe ich aus, wenn ich mal tot bin“, sagt Wilhelmine Klemm. Tatsächlich ist die Tote in der Pathologie der Staatsanwältin im Münster-„Tatort“ wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel: Offensichtlich geht ein Serienkiller um in der beschaulichen Universitätsstadt. Und seine Opfer gleichen jeweils einem der Ermittler aus der Mordkommission – oder einem seiner Bekannten.

Die Fälle von Kommissar Thiel und Professor Boerne stehen für Top-Einschaltquoten. Und auch der aktuelle, 34. Sonntagskrimi gibt den Zuschauern, was sie lieben. Dabei haben Benjamin Hessler (Buch, „4 Blocks“, „Mord mit Aussicht“) und Matthias Tiefenbacher (Regie, u.a. drei Münster-„Tatorte“) „Spieglein, Spieglein“ überaus künstlich arrangiert. Sie übertragen die Erzählmuster des guten alten Detektivromans um Helden wie Sherlock Holmes oder Hercule Poirot in den Mikrokosmos der Westfalenmetropole. Und auch die Edgar-Wallace-Filme der 1960er lassen grüßen. Wer glaubt denn ernsthaft, dass es in Münster für jeden aus dem Team, einschließlich der Assistentin Boernes, ein täuschend ähnliches Gegenstück geben kann? Das gibt es nur im Märchen – oder im Fernsehen.

Und so fühlt sich auch Silke „Alberich“ Haller im falschen Film, als eine kleinwüchsige Frau aus dem Kanal gefischt wird, die sie nicht nur kannte, weil man sich grüßte, „Daumen hoch, so unter Zwergen“, sondern die auch noch den Schal trug, den Alberichs Tante gestrickt hat. Und Thiels taxifahrender Vater hat sogar einen Kollegen, der genau so späthippiemäßig einen grauen Zopf trägt.

Wer da die Blutspur durch Münster zieht und die Opfer so arrangiert, dass deutlich wird, wessen Double hier dran glauben musste, das sieht der Fernsehzuschauer schon nach relativ kurzer Zeit. Da wird auch eine Art Beutetafel gezeigt, auf der Tag für Tag ein Foto als Trophäe des jeweiligen Verbrechens angeklebt wird. Aber auch wenn er damit mehr weiß als das Ermittlerduo, sollte der Zuschauer sich nicht zu sicher fühlen. Es steckt immer noch etwas mehr dahinter.

Irgendwann haben auch die Ermittler es begriffen. „Meuchelmord in Münster: Wer ist zuständig? Sie! Sie sind das Alpha und das Omega, Thiel, Sie sind der Hauptgegner...“, schließt Boerne messerscharf. Nein, hier geht es nicht unbedingt darum, herauszufinden, wer der Schuldige ist, sondern eher darum, es ihm auch gerichtsfest zu beweisen. „Irgendwo da draußen läuft jemand herum, der genauso aussieht wie Sie und von diesem Leiden bald erlöst ist“, merkt Boerne an, „wenn wir weiter dieses Spielchen mitspielen“.

Ja, die üblichen Spitzen zwischen den besten Feinden sind in gewohnter Qualität da. Aber sie können auch zusammenarbeiten, zum Beispiel nachts im Archiv die alten Fälle durchstöbern, um herauszufinden, wer sich diesen diabolischen Racheplan ausgedacht haben kann.

Das ist stilvoll und mit Lust am Detail ausgemalt. Jan Josef Liefers (Boerne) und Axel Prahl (Thiel) laufen zu ganz großer Form auf, wenn sie ihren Doppelgängern gegenüberstehen. Liefers gibt den etwas weltfremden Jazzprofessor mit dem markanten Notentattoo im Nacken. Aber seine Brille steht auch Boerne gut. Und Prahl ist großartig als biederer Überspießer mit Fliege und schmalem Strizzi-Schnäuzer. Auch die Nebenfiguren wie Mechthild Großmann als Staatsanwältin, ChrisTine Urspruch als Silke Haller und Claus Dieter Clausnitzer als wieder mal genüsslich kiffender Vaddern bieten, was Fans erwarten. Neu im Präsidium ist Björn Meyer als Kommissar Mirko Schrader, der Urlaubsvertreter von Kommissarin Krusenstern, der Thiel nicht nur mit frisch aufgebrühtem Kaffee einnimmt, sondern auch unerwartet effektive Fahndungsarbeit leistet.

Wundervoll anzuschauen ist Kathrin Angerer als verhuschte Beamtin mit Geheimnissen. Tatort-Fans mit gutem Gedächtnis erinnern sich vielleicht an Arnd Klawitter, der in der Folge „Wolfsstunde“ (2008) den Mörder spielte. Ein Kumpeltyp, der völlig harmlos erscheint und sich treuherzig beim Schließer anbiedert. Die Haft ist das beste Alibi – oder nicht? Jetzt steht er vor der vorzeitigen Entlassung.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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