Sophie-Mayuko Vetter spielt Wagner beim Klavierfestival Ruhr

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Sophie-Mayuko Vetter bei ihrem Konzert beim Klavierfestival Ruhr in Holzwickede.

Von Edda Breski HOLZWICKEDE - Eine Klaviersonate von Richard Wagner gehört gewöhnlich zu den Raritäten auf dem Programmzettel. Aber es ist Wagner-Jahr, und das Klavierfestival Ruhr widmet sich dem Musikdramatiker nicht nur mit Aufführungen von Klaviertranskriptionen und Paraphrasen seiner Opern. Das Programm enthält Abende, die Wagner mit Weggefährten und Kritikern konfrontieren. Im Gutshaus Opherdicke in Holzwickede spannte die 34-jährige Deutsch-Japanerin Sophie-Mayuko Vetter einen Bogen von Wagner zu seinem Schwiegervater Liszt, von Henze zum Wagner-Antagonisten Brahms.

Die einsätzige As-Dur-Sonate, Wagner-Werke-Verzeichnis 85, ist 1853 entstanden als eine Art erweitertes „Albumblatt“ für Wagners Flamme und Muse, Mathilde Wesendonck. Sie funktioniert im Prinzip wie eines von Wagners Orchestervorspielen: Es gibt ein Thema, das sich mit verkündendem Tonfall erhebt und durch ein lichteres ergänzt wird, von Vetter durchaus passend mit Süße gespielt. Die Themen steigern und verflechten sich, kulminieren in einem Höhepunkt, der in flacher werdenden Wellen verebbt. Wagner war ein Klangmagier, der Sonate fehlen die Reife und der Zauber seiner Orchesterwerke. Vetter findet einen dunklen Tonfall, scheut sich vor Pathos nicht und führt die einsätzige Sonate doch klar und stringent aus, bis zu den glockenharten Akkorden, mit denen sich das zweite Thema noch einmal meldet.

Franz Liszt betrauerte den Mann seiner Tochter Cosima mit dem Klavierstück „Am Grabe Richard Wagners“. Vetter spürt dem Pathos in den lang verhallenden Akkorden nach, die sie transparent macht, Zwischentöne klingen nach. Immer noch zwischen dunkler Spätromantik und harsch hereinbrechender Moderne verortet sie „Unstern“. In den besten Momenten findet sie, bei aller Kargheit, zu einer farblichen Differenziertheit zwischen den dumpf hereinbrechenden Akkordgegensätzen.

Auf „Unstern“ und eine eigene Bearbeitung, das 2010 uraufgeführte „Über Unstern“ für Orchester, bezieht sich der Komponist Peter Ruzicka. Der Nachfolger „Über Unstern. Späte Gedanken für Klavier“ ist ein Auftragswerk des Klavierfestivals Ruhr. Ruzicka, dessen Gesamtwerke für Klavier Vetter eingespielt hat, strukturiert seine Arbeit ebenfalls durch Akkordschläge, im Bassdunkel verhallend und im Diskant zersplitternd. Er übernimmt sein Vorbild sehr weitgehend und reduziert seine Mittel im Verlauf: flatternde Diskanttriller versuchen über lakonischen Bassfiguren aufzufliegen. Das Pathos dreht sich ins Leere. Vetter spielt das wie den Liszt: sorgfältig konturiert, dunkel gefärbt, mit einem Zugriff, der vehement sein kann, aber Zwischentöne eröffnet. „La mano sinistra“ des 2012 verstorbenen Henze wirkt, wie der Liszt, durch den Wechsel von melodischer Arbeit und Stille; bei Vetter sprechen die Pausen mit.

Vetter ist auch eine empfindsame Brahms-Interpretin, die die „Drei Intermezzi“ opus 117 gleichsam ergründet; gerade in der Nr. 1 klingt das, als wolle sich eine Phrase erst bedenken, bevor sie anhebt. Die „Sechs Klavierstücke“ opus 118 bekommen dagegen viel schwerblütiges Brio mit. Als wäre das alles nichts gewesen, spielt Vetter als Zugabe Scriabins Nocturne für die linke Hand.

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