Sonia Kacem zeigt im Kunstverein Münster „Between the scenes“

Streifen, Formen: Sonia Kacem mit ihrer Rauminstallation „Between the Scenes“ im Kunstverein Münster. Foto: lettmann

Münster – Die warmen Farben im Kunstverein Münster sind Dekore von Markisen. Gestreifte Stoffe in Rot und Weiß wie auch in Grau und Dunkelrot hat Sonia Kacem vor die Wände des großen Ausstellungsraum gespannt und geformt. Der White Cube des Kunstinstituts hat seine Strenge verloren. Dafür übernehmen die plastischen Ideen der tunesisch-schweizerischen Künstlerin den Präsentationsplatz für zeitgenössische Kunst. „Betweeen the scenes“ heißt die Schau, die Kristina Scepanski kuratiert hat. Die Direktorin des Kunstvereins hatte Sonia Kacem – beide kennen sich seit 2016 – eine Botschaft nach Kairo geschickt, dass sie während ihres Kunststipendiums in Ägypten auch an Münster denken solle. Eine skulpturale Inszenierung für den Kunstverein war vereinbart. Ein Auftrag, der nun abgeschlossen ist. Heute Abend, 19 Uhr, findet die Eröffnung in Münster statt.

An Terrassen und Balkone, Cafés oder Manegen erinnern die Streifen-Stoffe allerdings weniger. Vor allem eine schwebende Scheibe aus Karton wird zum Zentrum der Installation. Nach ein paar Schritten ist zu erkennen, dass die geometrische Grundform eine Körperlichkeit gewinnt. Kacem hat vier Karton-Module so verbunden, dass eine Kugel zur Hälfte als reduzierte Gestalt erscheint. Vier weitere Module stehen gestapelt an der Seite – als Option und Gedankenspiel.

Es geht bei Sonia Kacem nicht um Vollendung. Die prozessuale Arbeit ist eine Reaktion auf Alltagsgegenstände, auf Erlebnisse in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften. Sechs Monate war sie in Kairo. Eine lange Zeit. Kacem ist in der französischen Schweiz aufgewachsen und hat in Genf studiert.

In einem Kabinett, einer Black Box, sind ihre Kairo-Fotografien als Diaschau zu sehen: Fassaden, Hauseingänge, Balkone, Hochhäuser und Fenster der ägyptischen Hauptstadt. Wo das öffentliche Leben regelmentiert sei, sagte Sonia Kacem in Münster, drücken sich die Menschen mit Farben in ihrem Alltag aus. Die Ausstellung greift aber vor allem die urbanen Formen Kairos auf und die Techniken, wie Balkone verhängt werden, um mehr Privatsphäre zu haben. Fördern die Falten und Einlassungen hinter den Stoffbahnen im Kunstverein auch erzählerische Assoziationen, so setzt sich die Künstlerin, Jahrgang 1985, dezidiert mit der arabischen Ornamentik auseinander.

In einem kleinen Ausstellungsraum sind Skizzenbücher in einer Vitrine ausgelegt. Kacem übt einen zeichenhaften Schwung, der zur unfigürlichen Kunst Arabiens gehört. Sie reiht diese Gesten mit dem Pinsel und füllt Seite um Seite. Arabische Künstler gehen immer wieder von einem Punkt aus, sagt sie. Auf zwei Zeichnungen kreist Kacem mit der Pinselspitze, nachdem der Punkt gesetzt ist, und fügt diese sensiblen Malfiguren in oktogonale Schemata. Eine Widerspruch.

Erst auf den zweiten Blick ist „Between the scene“ eine substanziell malerische Schau. Im Foyer hat die Bildhauerin, die unlängst zu einer Ausstellung für feministischen Postminimalismus eingeladen wurde, mit Wandfarben aus dem Landesmuseum dem Gestischen aus der arabische Kunst Platz gegeben.

Eröffnung heute 19 Uhr; bis 19. 1. 2020; di-so 11–19 Uhr; Tel 0251/46157; Rundgang mit Sonia Kacem am Samstag um 12 Uhr; www.westfaelischer- kunstverein.de

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