Solisten aus Russland bei der Ballettgala in Dortmund

Klassische Ballettkunst zeigten Irina Perren und Marat Shemiunov in Dortmund. Foto: Theater

Dortmund – Das klassische Ballett kämpft wie die klassische Musik mit seiner übermächtigen Tradition: Alle wollen die großen Werke sehen, aber wie kommt man weg von der Vergangenheitsbewunderung? In Dortmund pflegt Xin Peng Wang Ballett als Erzählkunst, indem er neue Handlungsballette schafft. Aber auch dort gönnt man sich gerne eine Prise Heldenverehrung. Die 30. Ballettgala am Wochenende war ein Gastspiel von Solisten aus St. Petersburg, darunter Denis Matvienko, derzeit Gastsolist am Mariinsky-Theater, und Elena Evseeva, ebenfalls vom Mariinsky.

Zwei Abende mit russischem Ballettadel, Tänzern, die sich allerdings inzwischen über den Zenit ihrer Karrieren hinausbewegt haben. Das Programm umfasste eine Spanne von den Ballets Russes – mit Fokines „Spectre de la Rose“ (1911) – über sowjetische Ballette bis zu zwei neueren Stücken. Der Abend blieb fest der akademischen Kunst verbunden – mit allen Vorzügen und Schwächen.

Der Pas de deux aus den „Choreographic Miniatures“ von Leonid Yacobson, entstanden 1959, wirkt heute durch sein Spiel mit den akademischen Formen aus der Zeit gefallen. Damals ging es um Ballett-Erneuerung. Die Tänzer kehren zu Rossini-Musik ständig in die klassischen Posen zurück, wie Spieldosenfiguren auf Ausgang. Sofia Matyushenskaya legt ihr Spielbein auf Andrey Sorokins ausgestrecktes, er drückt sie hoch über seinen Kopf. Beide tanzen auch den Pas de deux aus „Flammes de Paris“, ein Ballett, die die französische Revolution als Prospekt für virtuosen Tanz nutzt.

Im „Spartacus“-Adagio hebt der große, breitschultrige Marat Shemiunov, Principal am Mikhailovsky-Theater, die zierliche Irina Perren mit einer Hand und lupft noch einen Fuß vom Boden, wie auf einer griechischen Amphore. Die Choreografen, die sich am „Spartacus“ abarbeiteten, versuchten, über den Umweg in die Antike eine Ballettform zu finden, die sich politisch rechtfertigen ließ. „Spartacus“ verbindet Sex, Blockbuster-Gefühl und Akrobatik und wurde sehr bejubelt.

Es war ein Abend zum Staunen, an dem es doppelte Cabriolen und Hebungen mit einer Hand nur so hagelte. Denis Matvienko, der mit seiner Frau Anastasia Matvienko den Corsaire-Pas de deux tanzte, hatte offenbar Probleme. Seine erste Sprungserie in der Solovariation fiel aus der Balance, in der Coda musste er sich nach einer Landung mit der Hand abstützen. Auch das ist Ballettgeschichte: Die technischen Möglichkeiten wurden immer größer. Damit veränderten sich auch Sehgewohnheiten. Das Publikum erwartet von Tänzern, Shows zu bieten und Risiken einzugehen.

Bejubelt wurden die routinierte Athletik und maßgeschneiderte Präsentation von Elena Evseeva und Igor Tsvirko (Don Quichote und Diana und Actaion-Pas de deux): er mit hohen Sprüngen und Machogehabe, sie mit koketter Arroganz und rasanten Touren.

Die Schwachpunkte waren die modernen Stücke. In dem Liebesduett „Je suis malade“ wirkten Irina Perren und Marat Shemiunov nicht dramatisch, sondern übersteuert. Wie Hochpräzisionsmaschinen im falschen Gang.

Das Ballett Dortmund zeigte nur einen Ausschnitt aus dem Programm „Rachmaninov/Tschaikowsky“. Seine Tänzer gingen Risiken ein – und wuchsen über sich hinaus.

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