Smetanas „Die verkaufte Braut“ am Aalto Theater Essen

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Kommt es noch zu einer Eheschließung? Marie (Jessica Muihead) und Hans (Richard Samek) geraten ins Gefühlschaos in der Operninszenierung „Die verkaufte Braut“ von Bedrich Smetana

ESSEN - Das Privileg der Oper ist, Menschen mit ihren Leidenschaften darzustellen – gleich wie aus der Zeit gefallen die Geschichte erscheinen mag. Das Dilemma des Opernregisseurs ist, die Geschichten leben zu lassen, ohne Figuren oder Musik zu verraten. Smetanas „Die verkaufte Braut“ ist an der Aalto-Oper Essen eine Puppenschau. Das Regieduo „Skutr“ - bestehend aus dem Slowaken Martin Kukucka und dem Tschechen Lukas Trpisovsky - will nicht aktualisieren, arbeitet schon gar nicht politisch: Im Grunde zeigt es altbekannten Klamauk in skurrilem Kostüm.

Die erste Idee ist ganz schön: Wie Puck im „Sommernachtstraum“ taucht einer der Zirkusmenschen auf, die eigentlich erst im dritten Akt vorkommen. Marie, die ein Foto ihres Angebeteten Hans auf einen Boxsack geheftet und einen halb unwilligen, halb koketten Kampf gegen ihn aufgeführt hat, fällt unter dem Boxsack in Schlaf. Der Sack schwebt weg, aus ihm schneit es. Sie bleibt liegen wie unter einer Schneekugel. Später hängt über dem Geschehen ein Sahnebaiser von Brautkleid wie ein Menetekel.

Es wird aber nie klar, wer träumt und wovon. Mal ist Marie in einer Szene dabei, wird aber von niemandem gesehen. Dann taucht sie auf, als sei sie vorher gar nicht da gewesen und wisse von nichts. Diese behauptete Ahnungslosigkeit stiftet Verwirrung. Eine Geschichte entwickelt sich so nicht.

Die Regisseure, die aus dem experimentellen Theater kommen, fächern ein Panoptikum von Gestalten auf. Der Essener Chor, gut vorbereitet von Jens Bingert, soll eine Gesellschaft ohne besondere Eigenschaften darstellen. Die Herren tragen uniformhafte Anzüge, mit fortschreitender Oper werden die Hemden knapper, die Männer stehen barbäuchig da. Die Damen tragen als Augenzucker rokokohaft breite Röcke und Bienenkorbfrisuren. Auch sie befinden sich in fortschreitender Auflösung (Kostüme: Simona Rybakova). Die ständigen Aufreihungen, das Gepose – langweilig.

Hübsch ist das Ambiente: „Skutr“ verlegen die Handlung in eine Turnhalle, ein Mehrzweckgebäude für dorfgemeinschaftliche Feten (Bühne: Martin Chocholousek). Man riecht praktisch Holzboden und Schweiß. Aber die „verkaufte Braut“ bleibt völlig geschichtslos – kein Gedanke an die Nationaloper, die Smetana schaffen wollte. Wäre das nichts Aktuelles in Zeiten von Euroskeptizismus und erstarkenden Nationalbewegungen?

Statt dessen kommen altbekannte Puppenstubengags, derbes Gefummel und überstilisierte Marionettengestik. Hans wird als Frauentraum aufs Podest gestellt, und der dazugehörige Gag von „Skutr“ geht allen Ernstes so, dass eine Reihe von Frauen sich ihm anbietet, darunter eine üppige Dame, die begehrlich auf den Tenor zuwatschelt.

Es ist witzig, Hans als ersehnten Ritter auf dem Pauschpferd über die Bühne reiten zu lassen; noch witziger, dass im dritten Akt, als alles aus den Fugen gerät, ein riesiges trojanisches Turnpferd heranrollt. Aber dann schmeißt Zirkusprinzessin Esmeralda (Christina Clark) wieder mal Konfetti, und mehr passiert nicht.

Was wirklich erfreut, ist die musikalische Seite der Produktion. Tomas Netopil lässt mit den Essener Philharmonikern die Musik warm aufblühen. Schnell bis zur Rasanz, genau akzentuiert und mit einer guten Balance zwischen romantischem Überschwang und dramatischer Auslotung, erzählt Netopil aus dem Orchestergraben das Drama, das man auf der Bühne kaum erahnt.

Jessica Muirhead verleiht der Marie Strahlkraft und Tiefe. Ihr höhensicherer, in der Mittellage aufleuchtender Sopran trägt die Aufführung. Richard Samek bietet als Hans lyrische Biegsamkeit ebenso auf wie Durchschlagskraft und jungmännlichen Charme. Tijl Favets als Heiratsvermittler Kezal kommt pompös daher, gibt den dummlistigen Dorfagitierer. Als er eine einzige Arie auf Tschechisch singt (warum eigentlich nur eine?), wird ein weiterer Grund deutlich, warum die Aufführung an allen Ecken klappert: Die holprige Übersetzung ins Deutsche stößt sich an der Musik.

Dmitry Ivanchey als lächerlich gemachter Verehrer Wenzel macht viel aus einer undankbaren Rolle. Mit seinem lyrischen Tenor gibt er eher den enttäuschten Liebhaber. Dabei macht „Skutr“ aus ihm nicht mehr als einen Dorftrottel. So bleiben von ihm in Erinnerung: eine Spermatolle à la Cameron Diaz in „Verrückt nach Mary“ – und ein Bärenmarkekostüm.

Edda Breski

19., 22., 28. 10.; 1., 8., 18. 11. ; 16., 22. 12.; 14., 18. 1. 2018;

Tel. 0201/ 81 22 200;

www.aalto-musiktheater.de

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