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Ruhrfestspiele Recklinghausen eröffnen mit einem Stück nach Olga Tokarczuks Roman „Gesang der Fledermäuse“

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Von: Achim Lettmann

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Nachdenklich ist Kathryn Hunter als Janina in der Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele.
Nachdenklich ist Kathryn Hunter als Janina in der Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele. © marc brenner

Männer sterben in einem Waldstück. Janine meint, dass Tiere sich an den Jägern rächen. Das Stück „Drive Your Plow Over the Bones of the Dead“ eröffnet die Ruhrfestspiele mit einem packenden Krimi.

Recklinghausen – Ein Lichtkegel strahlt den Leichnam an. Big Foot, ein Nachbar von Janina Duszeijko, liegt steif am Boden. Die Frau ermittelt, dass der Wilderer an einem Hirschknochen erstickt sein muss. Sie entdeckt außerdem ein Foto, das einige Jäger mit ihrer Beute zeigt. Die Umweltschützerin ist erschüttert. Haben sich die Rehe gerächt?

Mit einem Thriller starten die Ruhrfestspiele in ihre neue Spielzeit (bis 11. Juni). Die Eröffnungspremiere in Recklinghausen bietet den Roman „Gesang der Fledermäuse“ der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Der polnischen Autorin liegt das Verhältnis des Menschen zur Natur am Herzen. Und die Frage, wohin unsere Ignoranz gegenüber der natürlichen Umwelt und den wilden Tieren führt? Das britische Theaterkollektiv Complicité kooperiert mit den Ruhrfestspielen und bringt den Roman unter dem Titel „Drive Your Plow Over the Bones of the Dead“ auf die Bühne (deutsch: „Zieh deinen Pflug über die Gebeine der Toten“). Regisseur Simon McBurney ist für seinen innovativen Technikeinsatz bekannt, der dem Schauspiel visuell dient und einen eigenen Stil geschaffen hat. McBurney steht in der britischen Theatertradition, dass man alles auf die Bühne bringen kann, nur langweilig darf es nicht sein. In Recklinghausen verfolgte das Premierenpublikum gebannt eine Frau, die sich gegen institutionelle Widerstände stellt, toxische Männlichkeit mit Sarkasmus überzieht, aber auch ihre verletzliche Seite zeigt, Liebe, Anteilnahme und Solidarität vermittelt.

Tokarczuks Roman ist der ideale Stoff für die bildhafte Fantastik McBurneys und für eine großartige Schauspielerin. Kathryn Hunter ist eine Schau und der Mittelpunkt der Inszenierung. Mit ihrer Sprachkraft hält sie die große Erzählung Tokarczuks zusammen, führt durch die Kapitel und macht die dramatischen Wendungen spürbar. Nach ihrem Prolog wird die weite Spielfläche im Festspielhaus verdunkelt. Die ideenreiche Lichtregie von Complicité kann nun Effekte setzen. Aus der Tiefe des Raumes drängen der Kommissar und die Polizei, die von Janinas Erklärung, die Rehe hätten den Wilderer erledigt, nichts wissen wollen. Kathryn Hunter gibt eine Frau, die sich von diesen Kerlen nicht ängstigen lässt. Den Kommissar überzieht sie mit Spott, trägt er einen zu kurzen Gürtel für seinen Bauchumfang. Nur für Tiermörder fehlt ihr der Humor. „Wie gut doch der Tod sein kann“, sagt sie einmal. Mit den Freunden des toten Big Foot singt sie eine Art Andacht, die gar nicht enden will. Janina verdreht die Augen und kategorisiert dieses Bedürfnis als überkommenes Brauchtum, sich in männlichen Gesangsvereinen zu versammeln. Artig stehen die Complicité-Darsteller mit Kerzen beieinander, gefühlstriefend und schrullig. Solche Verbindungen sind aus Janinas Sicht systemstabilisierend – nicht gut für Tiere. Wie auch die Kirche, die durch einen agilen Priester verkörpert wird, der fordert „Du musst für dich selbst beten“. Tiere haben keine Seele, sagt er, dabei weint Janina um ihre zwei Hunde, die sie vermisst, ohne zu wissen, was mit ihnen passiert ist. Solche Gegensätze werden in ihrer Ignoranz spürbar. Auch deshalb, weil viele Figuren emphatisch gezeigt werden. Janinas Freund Dizzy, mit dem sie Verse von William Blake übersetzt, umhalst seine ehemalige Lehrerin. „Poesie ist ein Blick auf die Welt“ klingt hier wie ein Motto, das vielen fehlt.

Das Ensemble aus zehn Darstellerinnen und Darstellern spitzt im szenischen Figurenwechsel die Profile meist zu. So werden die situativen Auftritte von Janinas Verehrer Oddball, von Pater Rustle und dem Präsidenten der Jagdgesellschaft kurze Typenstudien, während ihr Liebhaber Boro, ein Käfer-Forscher, sogar an ihr Mikrofon darf und eine Charakterrolle aufscheinen lässt. Auch ein sterbendes Wildschwein wird körperlich gespielt. Immer wieder bietet die Inszenierung echte Hingucker.

Der Soundtrack dient der erzählerischen Szenerie wie in einem Unterhaltungsfilm. Es gruselt, wenn Janina im Traum ihre Mutter und Oma sieht. Lichtflashs blenden ins Publikum, um Zeitsprünge anzukündigen. Ein Realvideo zeigt, wie ein Hirsch mit den Hufen voran, einen Jäger angreift. Herrliche Lichtgrafiken werfen Gestirne in den Bühnenhimmel, um Janinas astrologische Argumente zu stärken oder ihre Naturmystik zu wecken. Sie hat als Ingenieurin Brücken gebaut und verkörpert eine Haltung, die nach Ewigkeit strebt.

Letztlich kreist der Krimi um die Frage, wie die Männer starben, die alle Jäger waren oder Pelze importiert haben. Janina sagt es uns am Ende.

Vor der Premiere thematisierte Schriftstellerin Anne Weber den Klimawandel. Ihre Eröffnungsrede zielte auf das „Einzelwesen“, wie sie im Festspielhaus sagte („Du bist das System“), und redet uns detailreich ins Gewissen, umweltbewusster zu werden. Das Leitmotiv der Ruhrfestspiele ist in diesem Jahr „Rage und Respekt“.

Vorstellungen in englischer Sprache mit dt. Übertiteln, bis 6. Mai, Tel. 02361/92180; www.ruhrfestspiele.de

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