Die frühere Leichtigkeit ist weg

Nach Tod von Demba Nabé: Seeed zeigt in Dortmund, wie es die Leerstelle füllt

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Pierre Baigorry (links) und Frank A. Dellé von Seeed.

Dortmund - Wie wird die Leerstelle gefüllt, die der plötzliche Tod von Sänger Demba Nabé hinterlassen hat? Das ist bei einer Band wie Seeed, die bislang ausschweifend den Hedonismus gefrönt hat, eine spannende Frage bei ihrem Konzert am Mittwochabend in der mit 11.500 Zuschauern ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle.

Fest steht: Die frühere Leichtigkeit ist weg bei den Berliner Dancehall-Pionieren. Und zum Song „You & I“ beleuchtet der Scheinwerfer einen Punkt in der Bühnenmitte, an dem ansonsten nichts ist und wo eigentlich Demba Nabé hätte stehen sollen, der dritte Sänger von Seeed. Seine Stimme wird vom Band zu diesem Reggae-Song eingespielt und nicht nur hier ist der im Mai 2018 gestorbene Sänger präsent. Links am Bühnenrand steht Frank A. Dellé, rechts Pierre Baigorry alias Peter Fox und sehr viele Fans kommen ihrer Aufforderung nach, die Taschenlampen ihrer Mobiltelefone zu benutzen. „Demba, das ist für dich“, sagt Baigorry zu diesem Gänsehaut-Moment. 

Nabé war der Schüchterne mit der warmen Stimme im Sängertrio der Band – die nun nur noch aus zehn Musikern besteht. Und so kommt in die Party eine Tiefe hinein, die das toll aufeinander abgestimmte Kollektiv bislang locker umschiffen konnte. So sind nachdenklichere Texte wie „Komm in mein Haus“ vom neuen Album bislang eher selten gewesen, in dem es um Toleranz gegenüber Andersgläubigen geht. 

Das wurde früher von der Band eher vorgelebt statt offen in Texten thematisiert. Und auch „Schwarz zu blau“ aus dem ebenfalls extrem erfolgreichen Solo-Projekt von Pierre Baigorry unter dem Namen Peter Fox mit der Zustandsbeschreibung der hässlichen Seite von Berlin ist keine reine Tanznummer. Das etwa 105-minütige Konzert beginnt auch mit dem etwas melancholischen „Ticket“, einem Song vom neuen Album „Bam Bam“. 

Auch das „Black“-Cover „Wonderful Life“ unterstreicht diese Note früh. Aber auf fast schon wundersame Weise schafft es der Abend, nicht nur tiefsinnig, sondern auch leicht zu sein. Denn zu „Lass das Licht an“ wird der stämmige Gastsänger „Porky“ von der befreundeten Band Deichkind mit nacktem Oberkörper auf die Leinwände projiziert, die an den riesigen Boxentürmen integriert sind.

 Gemeinsam singen sie von den Freuden des Sex für Über-Vierzigjährige bei angeschaltetem Deckenlicht. Und wie es von ihnen zu erwarten ist, tun sie dies mit einer großen Portion Ironie: „Bisschen Scham ist okay, ich steh’ auf deine Dellen.“ Das wäre genauso wie bei „Augenbling“ und „Schüttel Deinen Speck“ (auch aus dem Solowerk von Peter Fox) früher der Moment gewesen, zu dem Seeed sich hübsche Tänzerinnen auf die Bühne geholt hätten, die sich lasziv zu den treibenden Rhythmen bewegt hätten. Das übernimmt zu „Schüttel den Speck“ nun eine stilisierte Tänzerinnen-Figur in der Optik einer Neonröhren-Reklame der Leinwand. 

Frank A. Dellé

Die einzige Frau an diesem Abend auf der Bühne ist eine Rapperin, die sich ein Battle mit einem anderen Gastsänger liefert. In „G€ld“ parodieren Seeed den Protz von Gangsterrappern, zusätzlich symbolisiert mit einem goldenen Phallussymbol. Angefangen haben Seeed vor etwa 20 Jahren mit einer Mischung aus relaxten Riddims, kräftigen Bläsersätzen und Sprechgesang und verbanden damit auf erfrischende Weise Dancehall, Reggae, Rap, Funk und Ska. 

Konzert Seeed in Dortmund

Bilder

Mit „Waterpumpee“ von ihrem Debüt-Album schafften es die „Dancehall Caballeros“ sogar auf Jamaika und in Trinidad und Tobago weit vorne in die Charts und wurden 2007 mit den Caribbean Reggae Grammy ausgezeichnet. Die meisten der 27 Nummern am Mittwoch bleiben kurz und knackig, und es ist auch viel Platz für ältere Songs wie ihre Berlin-Hymne „Dickes B“, „Molotov“ „Schwinger“ und „Music Monks“. Doch diese Hits sind komplett renoviert worden – reduziert, mit neuem Rhythmus und teilweise sogar mit Hardrock-Riffs. Frank A. Dellé, gekleidet mit Anzughose, weißem Hemd und Krawatte und Pierre Baigorry in seiner weißen Jogginghose und mit Glitzerketten verziert, hüpfen unermüdlich über die Bühne und vollführen gut choreografierte Tanzschritte. Auch die Fans feiern die Band immer wieder mit wogenden Händen, aber insgesamt der Grundstimmung folgend auch ein wenig verhaltener. So sieht es also aus, wenn ein frühere Party-Band erwachsen wird.

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