„Schwesterlein“ mit Nina Hoss und Lars Eidinger im Berlinale-Wettbewerb

Zwei, die sich stützen: Szene aus „Schwesterlein“ mit Nina Hoss und Lars Eidinger. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale. Foto: Vega Film/Berlinale

Berlin – Eigentlich ist jeder Film mit Nina Hoss ein Ereignis. Derzeit ist die Darstellerin in Ina Weisses Psychothriller „Das Vorspiel“ im Kino zu sehen. Hoss spielt eine Musikerin, die am eigenen Anspruch scheitert und ihr Versagen bearbeitet, indem sie streng und mitleidlos als Geigenlehrerin auftritt.

Auf der Berlinale ergänzt sie sich mit Lars Eidinger in einer symbiotischen Geschwisterbeziehung. Der Schweizer Wettbewerbsfilm „Schwesterlein“ spielt in einer Theaterwelt, wo der Bruder ein Bühnenstar ist und der Schwester als Dramatikerin nichts mehr einfällt. Als Sven an Leukämie erkrankt, nimmt ihn Lisa mit in die Schweiz. Ihre Familie soll ihm gut tun und Kraft für die „Hamlet“-Rolle an der Schaubühne in Berlin geben. Der Plan – man ahnt es – scheitert. Aber die Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond zeigen, wie eine Frau um ihren Zwillingsbruder kämpft, der ihr immer Energie gegeben hat.

Nina Hoss spielt die Autorin mit Schreibblockade unter Druck. Ihre Aufmerksamkeit für die Kinder und den Bruder wird auch vom Mann beansprucht, der eine Eliteschule führen und nicht wieder zurück nach Berlin will. Jens Albinus gibt den Ehemann Martin, der den Frieden mit seiner Frau riskiert, um seinen Status an der Schule zu sichern. Dabei braucht Lisa die Aussicht, künstlerisch zu arbeiten – in Berlin. Ihren Bruder stützt sie, indem sie dem Intendanten der Schaubühne – Thomas Ostermeier spielt sich hier selbst – vorschlägt, einen Monolog mit Sven aufzuführen – im Studio. Sie schreibt an einer Hänsel-und-Gretel-Version für Erwachsene.

Natürlich arbeitet „Schwesterlein“ mit den Parallelen zum Berliner Theaterleben. Lars Eidinger (44) triumphierte mit Shakespeares „Hamlet“ an der Schaubühne, auch Nina Hoss (44) hat hier viele Jahre gespielt („Hedda Gabler“, „Bella Figura“), und beide kennen sich seit ihrer Zeit an der Ernst-Busch-Schauspielschule. Sie sind aus einem Abschlussjahrgang. Das Drehbuch von Chuat/Reymond stützt sich aber nicht auf aktuelle Bezüge aus der Bühnenwelt. Das Schweizer Duo ist selbst an Theaterhäusern aufgetreten, hat geschauspielert, bevor der Film dazukam. Sie kennen die Szene und fokussieren in „Schwesterlein“ vor allem auf zwei Theatermenschen, die ihre Lebensstärke aus dem gemeinsamen Kunstverständnis beziehen. Dies entfernt vor allem Lisa von Martin. Sie fühlt sich von ihm übergangen, als er einen Arbeitsvertrag unterschreibt. Sie schreit ihn an, ist fassungslos und fühlt sich zurückgesetzt. Kameramann Filip Zumbrunn folgt Nina Hoss, spannt den Bildausschnitt für sie als Aktionsraum auf und lässt uns eine Schauspielerin erleben, die expressiver ist als in manch anderem Film ihrer Karriere.

Lisa schnappt sich Bruder Sven, ihre Kinder und fährt Richtung Berlin. Ihre Mutter – Marthe Keller als egozentrisches Witwenmonster – ist nur ein Anlaufpunkt, kein Rückhalt. Lisa fordert und entfernt sich vom Intendanten, der künftige Besucherzahlen über die Loyalität zu seinem todkranken Schaubühnenstar stellt. Sie arbeitet mit Sven gemeinsam am Text zu „Hänsel und Gretel“ – er auf seinem Sterbebett, sie um Kunst und Leben bemüht. Das ist so intensiv, wie ein Dialog nur sein kann. Sie findet sich als Autorin, ist wieder kreativ. Und er kann sie lassen, kann sein Leben abschließen, da Lisa als Dramatikerin zurück ist.

Hoss und Eidinger verschränken sich auf ungeahnte Weise. Sie heben „Schwesterlein“ aus dem Berlinale-Wettbewerb heraus. Und tatsächlich ist es Nina Hoss, die mit diffizilen Spiel ihrer Figur eine Selbstbehauptung schenkt, die die Regisseurinnen bestimmt allen Frauen wünschen. Die Hoss ist in „Schwesterlein“ sogar rabiat, laut und krass. Sie flucht, schimpft, tritt vor Mülleimer und meint (vielleicht) Männer damit.

Letztlich wird aus dem „Schwesterlein“ eine Künstlerin nach der Krise, die merkt, dass sie sich beweisen muss, als Mutter, Ehefrau und Autorin. Sie kämpft den ewigen Kampf, den jede Frau eingehen muss, um nicht übergangen zu werden. Das ist die entschiedene Botschaft eines Dramas, das auch den Silbernen Bären für Nina Hoss bringen könnte. Es wäre ihr zweiter nach 2007 für „Yella“. Sie hat ihn verdient.

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