„Schwanensee“ am Aalto Theater Essen

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Ein bisschen wie geträumt: Liam Blair und Mika Yonemaya in dem Ballett . - Foto: Stöß

ESSEN Zwei Jungs hauen sich, sie kommen gerade vom Schwimmen. Der Prinz bespritzt seinen Freund mit Wasser aus seinem Mund. Ein Handtuch fliegt. So leichtfüßig beginnt der „Schwanensee“ von Essens Ballettchef Ben Van Cauwenbergh. Er zeigt junge Leute, die ihr Leben genießen. Die Geschichte vom schwarzen und weißen Schwan, von bösem Zauber und verratener Liebe? Ist ein Traum.

Der „Schwanensee“ im Aalto-Theater ist kurzweilig. Cauwenbergh zeigt ein wunderschön ausgestattetes Handlungsballett in zeitlos angenehmen Blau- und Petroltönen (Bühne und Kostüme: Dorin Gal), mit einem leichtherzigen ersten und einem traditionellen zweiten Akt. Dazwischen liegt bei ihm die Wende: Prinz Siegfried schläft ein, er träumt das Folgende.

Liam Blair ist ein grüblerischer Prinz, ein Märchenkönig im Phantasiereich, gekleidet in ein Wams, das wie Schuppen glänzt, wie selbst nicht ganz von dieser Welt. Das Solo des Prinzen aus dem ersten Akt verlegt Cauwenbergh an den Beginn des zweiten. Hier sehen wir einen verwirrten, einsamen Mann. Er trifft ein Traumbild, das er im Schloss schon gesehen hat, als leidende, verwandelte Frau wieder. Mika Yonemaya scheint als Odette mit ihm zu träumen.

Auch der dritte Akt, der eigentlich wieder am Hof spielt, ist Teil des Traums. Die romantische Kulisse mit Nebel und Ruine macht einem schattigen gotischen Saal Platz. Cauwenbergh bietet alles auf, was seine Truppe technisch zu leisten vermag: Pas de deux mit Hebefiguren und Drehungen voller Schwierigkeiten. Yanelis Rodriguez tanzt mit Armen Hakobyan einen Russischen Tanz, in dem eine lang gehaltene Pose auf die nächste komplizierte Drehung folgt, am Ende legt sie Fouettés nach wie nichts. Davit Jeyranyans Benno fliegt zwischendurch mit weiten Sprüngen über die Bühne. Moisés León Noriega ist ein jugendlicher, sprungkräftiger Rotbart. Und Adeline Pastor stiehlt im Spanischen Tanz allen die Schau: so viel Feuer, ein exaktes Fächerspiel, blitzschnelle Pirouetten, und als kleiner special effect rutscht sie auf Spitze über die Bühne.

Mika Yonemayas Odette/Odile wird von diesem Feuerwerk überboten. Für das Solo des Schwarzen Schwans hat Cauwenbergh ihr zwar ein Solo gewählt, das ihre langsamen Pirouetten und gehaltenen Arabesquen zur Geltung bringt. Doch die Geschichte von Siegfried und dem Schwan scheint fast ein Nebenstrang.

Videosequenzen verleihen der Geschichte etwas Fantasyhaftes. Das Video (Valeria Lampadova) zu Beginn des vierten Aktes zeigt länglich den verratenen Weißen Schwan mit Kunsttränen auf den Wangen, dann das Corps. Warum auf Kunstgefühle setzen, warum ein Video zeigen, wenn die Tänzerinnen auf der Bühne stehen und es ihre Arbeit ist, mit ihrem Tanz Gefühl zu wecken? Cauwenbergh sollte dem Tanz vertrauen statt dem Video.

Wie seine früheren klassischen Ballette – etwa „Don Quichotte“ – präsentiert Cauwenbergh den „Schwanensee“ vor allem als vergnügliche Folge virtuoser Tänze. Das macht die Essener Ballettabende sehenswert und kurzweilig. Dem „Schwanensee“ fehlt aber sein Zentrum.

So verwundert auch das Ende, als die Schwäne auf der Hebebühne himmelwärts fahren, aber der wieder aufgewachte Prinz seine reale Traumfrau umarmt, die er, ganz wie im Märchen, aus seinem Traum wiedererkennt. Als wollte Cauwenbergh den klassischen Ballettkuchen sowohl haben als auch essen. Eine Entscheidung für tragisches oder gutes Ende hätte dem Stück notwendige Kontur gegeben.

Unter Leitung von Johannes Witt spielen die Essener Philharmoniker einen geschmeidigen, oft zugunsten der Präzision zurückgenommenen Tschaikowsky mit, wenn nötig, dramatischem Zugriff.

Ein insgesamt absolut sehenswerter Abend, der dem Können der verschiedenen Essener Solisten Raum gibt.

Edda Breski

31. 1.; 1., 3., 16., 23., 25. 2.; 7., 11., 24., 29. 3.; 10. 5.; 2., 21. 6.; Tel. 0201/812 222; www.theater-essen.de

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