„scheinbar: nichts“: Bilder von Qiu Shihua im Bochumer Museum Unter Tage

Auf diesem frühen Bild von Qiu Shihua ohne Titel von 1986 ist noch relativ viel zu sehen. - Fotos: Situation Kunst Bochum

BOCHUM - Am besten geht man durch die Ausstellung von Qiu Shihua im Museum Untertage bis zu einem Kleinformat aus dem Jahr 2014. Man sieht zunächst nur eine vermeintlich weiße Fläche. Doch am unteren Rand ist das Weiß gebrochen. Auf einmal schält sich ein Baum aus dem scheinbaren Nichts, der seine kahlen Äste spreizt. Das Auge gewöhnt sich und entdeckt eine Ebene mit Stoppeln darauf, eine Horizontlinie, eine Landschaft. Fassen wird der Betrachter das Bild nicht so schnell, obwohl das Format einigermaßen überschaubar ist. Die Monochromie nimmt das Motiv wieder weg, wenn sich der Blick nur einen Moment lang einer anderen Partie zuwendet.

Diese Herausforderung des Gesichtssinns spricht schon der Titel der Bochumer Schau an: „scheinbar: nichts. Bildwelten von Qiu Shihua im Vergleich“. Man kann sehr schnell fertig sein mit dieser Malerei, die mehr verbirgt, als dass sie etwas zeigt. Man verpasste freilich eine intensive Erfahrung, denn mit wenigen unbewegten Bildern ist einem Betrachter eine so intensive Kommunikation möglich.

Man muss sich vor Qiu Shihuas Gemälden bewegen, ausprobieren, welcher Standpunkt, welcher Blickwinkel mehr preisgibt. Dann erkennt man auf dem anderthalb Meter breiten Querformat (wie alle Arbeiten ohne Titel) einen Berghang, bewachsen mit einer Reihe von Nadelbäumen. Ist das Weiß Nebel oder Schnee? Das kann man nicht sagen, und es tut eigentlich auch nichts zur Sache. Vielleicht malt Qiu auch einfach nur eine Art Blendschirm, der uns von der Welt trennt und hinter den er uns manchmal luken lässt. Und einen grellweißen Fleck oben links identifizieren wir als Sonne, ja tatsächlich, es geht noch weißer als weiß.

Diese ungefähr 50 so leisen Bilder dienen sich dem Betrachter nicht an, sie scheinen vor ihm zurückzuweichen, und so ist hier angestrengtes Schauen gefordert. Manchmal öffnet sich dann wundersam das Weiß, lässt zu, dass wir Baumstämme, Wipfel, einen Felsen entdecken. Aber so schnell, wie Wolken vor der Sonne herziehen, ist das auch schon wieder vorüber.

Qiu Shihua wurde 1940 in der Provinz Sechuan geboren. Er studierte Ölmalerei an der Akademie von Xi‘an, mit einem Abschluss 1962. Damals galt auch in China das Dogma des Sozialistischen Realismus. Während der Kulturrevolution arbeitete er als Plakatmaler für ein Kino. Ab 1984 reiste er viel, heute lebt er abwechselnd in den USA und in China.

Die frühesten Arbeiten in der Schau stammen aus den 1980er Jahren, als Qiu den Daoismus für sich entdeckt hatte. Nun verband er die jahrhundertelange Tradition chinesischer Landschaftsmalerei mit Einflüssen westlicher Kunst, genauer: dem europäischen Impressionismus. Mit wertvollen Leihgaben unter anderem aus dem Museum Rietberg in Zürich, dem Von-der-Heydt-Museum Wuppertal und dem Museum Quadrat in Bottrop zeigt die Schau die Verbindungslinien auf, wobei keine Abhängigkeit oder Beeinflussung behauptet werden soll, sondern eher eine innere Verwandtschaft.

Schon auf den herrlichen Tuscharbeiten wie Lu Zhis Landschaft aus dem 16. Jahrhundert findet man zwar einen sich realistisch windenden Fluss und einen monumentalen Berg. Aber dazwischen bleiben weite Partien des Bildes frei. Offensichtlich machte es für die Künstler jener Jahre einen Teil des ästhetischen Reizes aus, nicht alles auszuführen, sondern Dinge unklar zu lassen. Qiu, der in seinen früheren Arbeiten die Landschaft noch recht detailliert ausführt, arbeitet mit Ölmalerei, nicht mit Tusche, aber die Lust an diesen Irritationen hat er behalten. Seine Bilder entstehen übrigens in einem langen Prozess, anfangs benutzt er Grundfarben, die er dünn aufträgt und anschließend wieder und wieder weiß übermalt.

Aber schon der Blick auf ein Aquarell von Paul Cézanne vom Mont Sainte-Victoire zeigt, dass auch die Impressionisten das Unfertige, das bloß Angedeutete schätzten. So kann man die durchaus rätselvollen weißen Tafeln Qius mit mal kontrastierenden, mal korrespondierenden Bildern durch die Jahrhunderte vergleichen. Mit dem flämischen Expressionisten Constant Permeke, der um 1938 eine Landschaft aus nichts als düsterbraunen horizontalen Streifen andeutete. Mit Ad Reinhardt, der ein nur scheinbar tiefschwarzes „Abstract Painting #20“ (1956) schuf, auf dem aber der geduldige Blick ebenfalls eine Binnenstruktur findet. Mit einer „Study for Homage To The Square“ (1965), in der Josef Albers die Wechselwirkung von Farben darstellte. Oder auch mit dem Foto einer Schneelandschaft des Iraners Abbas Kiarostami.

Weiß hat viele Gestalten. In Bochum kann man viele davon entdecken.

Bis 22.4.2019, mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234/ 322 85 23,

www.situation-kunst.de,

Katalog 28 Euro

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