Schau „RevierGestalten“ auf Zeche Zollern beleuchtet Nachleben des Bergbaus

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Die Bergmannsuniform von Heinz Tafel ist auf Zeche Zollern zu sehen.

DORTMUND - Der wuchtige Eulenkopf aus Ruhrsandstein hätte es um ein Haar nicht ins Museum geschafft. Als die Dortmunder Zeche Zollern 1966 geschlossen wurde, dachte noch keiner daran, dass aus dieser gewaltigen Anlage einmal eine Sehenswürdigkeit werden sollte, die jährlich mehr als 100 000 Besucher lockt. Jahrelang war die einstige Zeche Brachland. Die ehemaligen Bergleute sammelten, was so herumlag. Einer sicherte auch die Skulptur, die einmal vor dem Pferdestall der Zeche stand. Als viel später das Industriemuseum entstand, brachte er den Eulenkopf zurück.

Jetzt ist das Stück in der Ausstellung „RevierGestalten“ zu sehen, die von Samstag an den Strukturwandel des Ruhrgebiets nachzeichnet. Im Dezember schließt mit Prosper-Haniel in Bottrop die letzte Zeche in Deutschland. Aber schon in den 1960er Jahren begann die Kohlenkrise an der Ruhr. Die von Jana Fließhardt und Jana Golombek kuratierte Ausstellung geht das Thema in zwei Anläufen an, bietet industriearchäologische Objekte, Dokumente, Fotos und eine Auswahl von Filmen und Interviews mit Familien, die dem Bergbau verbunden sind.

Ein Ausstellungskapitel beginnt mit dem Kampf um die Erhaltung der Maschinenhalle von Zeche Zollern. Die damaligen Verwalter wollten das wichtige Zeugnis des Jugendstils abreißen lassen. Die Fotografen Bernd und Hilla Becher, der Direktor der Kunsthalle Düsseldorf, Karl Ruhrberg, die Künstler Günther Uecker und Gotthard Graubner sowie der Direktor der Werkkunstschule in Dortmund, Hans P. Koellmann schrieben einen Brandbrief an den damaligen Ministerpräsidenten Heinz Kühn. Im Dezember 1969 wurde die Halle unter Denkmalschutz gestellt. Das wurde zur Initialzündung für das heutige Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, das 1979 gegründet wurde.

Ein Raum inszeniert die Anfänge. Man sieht die Rekonstruktion einer ehemaligen Werkstatt mit Werkzeug, Hocker und anderen Objekten. Die Museumsleute definierten Archäologie neu, und sammelten auf, was so herumlag. Nicht mehr die handwerkliche Schönheit allein entschied darüber, ob ein Ding bewahrt werden sollte. So findet man in der Schau nicht nur Grubentelefon und Werksuhr, sondern auch einen Toilettenpapierhalter aus Holz. Sogar die rosa Gummistiefel, in denen eine Archäologin das Gelände betrat, um Akten zu sichern, stehen heute in einer Glasvitrine.

Am Bergbau hing eine Lebenswelt: Weitere Ausstellungskapitel zeichnen die Proteste nach, mit denen die Bewohner um die Zechensiedlungen kämpften. Die Landesregierung setzte auf Modernisierung, wollte die alten Häuser abreißen und stattdessen große Mietshäuser errichten. Dem Widerstand ist es zu verdanken, dass heute Siedlungen wie Eisenheim in Oberhausen erhalten sind. Es ist verblüffend, Fotos zu sehen, auf denen ältere Damen protestieren. 1981 machte die abgebildete „Oma Kiliman“ aus der Gelsenkirchener Auguststraße als „älteste Hausbesetzerin der Republik“ Furore. Oder das von den Bergmannsfrauen aus Duisburg-Homberg 1979 im Hungerstreik.

Es war auch die Geburtsstunde der soziokulturellen Zentren. Die Schau schildert die Geschichte des Bochumer Bahnhofs Langendreer und der Essener Zeche Carl. Diese Zentren wiederum brachten neue Unternehmen auf den Weg: So gründete Stefan Todeskino, der ursprünglich für Konzerte auf Zeche Carl die Tonanlage betrieb, 1986 die Firma TDA, eins der führenden Unternehmen für Anlagenvermietung in Deutschland. Ein Mischpult der Anfangsjahre ist ausgestellt. Auf Zeche Carl begann auch die Geschichte der Thrash-Metal-Band „Kreator“, die weltweit zwei Millionen Alben verkaufte. Die Gitarre von Sänger „Mille“ Petrozza erinnert daran.

In einem zweiten Kapitel werden Familien ehemaliger Zolleraner vorgestellt, in Video-Interviews, aber auch mit Erinnerungsstücken wie den Mandolinen der Familie Paroth, der Bergmannsuniform und dem Arschleder von Heinz Tafel, aber auch einigen Gemälden von Franz Brandes, einem der bekanntesten Laienkünstler des Ruhrgebiets. Hier kann man in liebevollen Inszenierungen dem besonderen Lebensgefühl der Bergleute nachspüren, fast wie in einem alten Fotoalbum der Familie.

24.2.-28.10., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0231/ 69 61 111,

www.zeche-zollern.de,

Begleitbuch, Klartext Verlag, Essen, 19,95 Euro

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