Das Sauerland-Museum zeigt in seinem Erweiterungsbau August Macke

Privates Glück als expressive Malerei: August Mackes „Gartenbild“ (1911) ist in Arnsberg zu sehen. Fotos: Museum

Arnsberg – Einen Moment des Glücks hielt August Macke fest, als er 1911 in Bonn sein „Gartenbild“ malte. Während seine Frau Elisabeth sich über Blumen beugt, richtet sich ihr Blick auf den Sohn Walter. Die Sonne scheint, und August Macke nutzt den Lichteinfall, um das satte Grün in zahlreichen Abstufungen zu variieren.

Zu sehen ist das Bild von Sonntag an in der Ausstellung „August Macke – ganz nah“ im Sauerland-Museum Arnsberg. Die ambitionierte Ausstellung begleitet die Eröffnung des Erweiterungsbaus, der hinter dem Altbau, dem Landsberger Hof von 1605, errichtet wurde. Mit dem Anbau hofft Museumsdirektor Jürgen Schulte-Hobein, dass sein Haus in eine andere Liga aufsteige. Für eine große Wechselausstellung mit überregionaler Strahlkraft wie die Macke-Schau gab es bislang im ganzen Hochsauerlandkreis kein Institut, das die konservatorischen Voraussetzungen erfüllt hätte. Auch in Zukunft soll das Sauerland-Museum Ort attraktiver Präsentationen sein.

Architekt Martin Bez vom Stuttgarter Büro Bez & Kock hatte eine anspruchsvolle Aufgabe zu lösen: 22 Meter in der Vertikalen und 20 Meter in der Horizontalen waren zu überbrücken. Der Neubau steht im Tal hinter dem Altbau und ist mit diesem über eine Brücke verbunden. Bez ließ den Baukörper wie eine Treppe ansteigen, so dass er dem historischen Landsberger Hof nicht die Wirkung nimmt. Er duckt sich gleichsam unter dem repräsentativen Stadtpalast weg. Die Fassade aus Grauinger-Travertin wirkt licht und harmoniert mit dem Umfeld. Die drei Etagen bieten Räume, die bei Klima, Licht und Sicherheit den aktuellen Museumsstandards entsprechen. Rund 520 Quadratmeter stehen für Wechselausstellungen zur Verfügung, hinzu kommen noch Funktionsräume.

13,5 Millionen Euro kostete das komplette Vorhaben, das auch die Kernsanierung des Altbaus samt der Neugestaltung der Dauerausstellung umfasst. Stemmen konnte der Hochsauerlandkreis das dank Zuschüssen unter anderem vom Land und vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

Schon als 2013 der Beschluss für den Erweiterungsbau fiel, war den Verantwortlichen klar, dass zur Eröffnung August Macke (1887– 1914) gezeigt werden sollte. Der Künstler gilt zwar als ein Hauptvertreter des rheinischen Expressionismus. Aber geboren wurde er in Meschede als Sohn eines Bauunternehmers, der sich sehr für Kunst interessierte und auch selbst malte. August Macke verbrachte zwar nur die ersten anderthalb Lebensjahre im Sauerland und kam später nur einmal zu einem Verwandtenbesuch in seine Geburtsstadt zurück.

Trotzdem finden sich Wurzeln in der Region. Die Ausstellung wählt den persönlichen, biografischen Zugriff auf Macke, wie der Titel schon ahnen lässt. Mit dem Neubau und der Macke-Spezialistin Ina Ewers-Schultz als Kuratorin gelang es, 130 Exponate zusammenzutragen. Darunter sind grandiose expressionistische Gemälde wie das „Gartenbild“ und das berühmte Hauptwerk „Sonniger Weg“ (1913). Letzteres ist wahrscheinlich so bald nicht mehr außerhalb des Landesmuseums in Münster zu sehen, so fragil ist sein Zustand. Dass es nun in die Arnsberger Ausstellung kam, ist ein Vertrauensbeweis. Macke hat hier die Malerei auf die Spitze getrieben: Die Figuren dieser alltäglichen Szene von Spaziergängern sind ganz aufgelöst in ein Spiel der fein ausbalancierten Farben. Eigentlich sind das Braun und die aufblitzenden grünen Flecken wichtiger als die gutbürgerlichen Flaneure. Und auch die beiden Aquarelle von Mackes Tunis-Reise sind kostbare, empfindliche Stücke, die nur kurz ausgestellt werden und sich dann wieder in Dunkelheit erholen müssen, damit die Strahlkraft ihrer Farben erhalten bleibt

Andere Exponate sind unscheinbarer, aber gleichfalls aufschlussreiche Funde. So zeigt das Museum erstmals das Taufbuch mit dem Eintrag für Macke und die Geburtsurkunde. Einige Zeichnungen des Vaters sind ebenfalls ausgestellt.

Die Schau umspannt Mackes Werk von den Anfängen über impressionistische Reisebilder bis zum voll entfalteten Expressionismus. Es wird aber in Themenblöcken erschlossen, nicht chronologisch. Auch der Kenner findet hier Dinge, die er noch nicht kannte, verspricht Museumsdirektor Schulte-Hobein. So gibt es eine Ölskizze des drei Tage alten Sohnes Walter (1910). In die feuchte Farbe ritzte der Maler die Notiz: „Diese Locke hat er von mir“ und widmete das Bild der „Urmutter“. Eine Bestechung, denn eigentlich hatten die Eltern von Elisabeth Gerhardt, eine Fabrikantenfamilie aus Bonn, keine Ehe mit einem „brotlosen Künstler“ gewünscht. Und dann wurde sie schwanger. Notgedrungen akzeptierten die Schwiegereltern die Verbindung, man versöhnte sich, wohl nicht zuletzt wegen so charmanter Gaben. Die Unterstützung für Elisabeth ermöglichte Macke seine Kunst. Die junge Familie siedelte für ein Jahr an den Tegernsee um, wo Macke von der Landschaft fasziniert war, aber auch immer wieder Frau und Sohn malte.

Macke hatte vorzeitig das Gymnasium verlassen, um an der Düsseldorfer Kunstakademie zu studieren. Aber die konservative Ausbildung dort frustrierte ihn. Er wechselte an die Kunstgewerbeschule. Und er arbeitet als Bühnenbildner für das Düsseldorfer Theater, einige Beispiele sind als rekonstruierte Modelle ausgestellt. Macke versuchte sich an vielen verschiedenen Gestaltungsaufgaben. In der Ausstellung sieht man Wandteppiche und Kissen, die nach seinen Entwürfen gestickt wurden. Er entwarf Bemalungen für Keramik – ein Teller mit Hasenmotiv ist ausgestellt. Ein Wandteppich, erst postum 1960 nach Mackes Entwurf gewebt, zeigt die Strahlkraft der Farben in einer Motivik zwischen angedeuteten Pflanzen und Abstraktion.

Man sieht in Arnsberg nicht nur die große Kunst. Man spürt auch einem Familienglück, einer privaten Harmonie nach, die sich in vielen Zeichnungen und Gemälden niederschlug. Lange war es dem Künstler nicht vergönnt: Gleich in den ersten Wochen des Weltkriegs traf ihn an der Westfront in Frankreich eine tödliche Kugel.

Der Erweiterungsbau des Sauerland-Museums wird am Sonntag, 10.30 Uhr, mit einer Feier eröffnet. Dabei ist Ministerpräsident Armin Laschet Gast und Festredner. Museumsdirektor Jürgen Schulte-Hobein, Kuratorin Ina Ewers-Schultz und Architekt Martin Bez stellen Gebäude und Ausstellung vor.

August Macke – ganz nah

Bis 8. Dezember, geöffnet di 9 – 19, mi – fr 9 – 17, sa 14 – 18, so 10 – 18 Uhr; Tel. 02931 / 944 444,

www.sauerland-museum.de

Katalog 19,90 Euro

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