Das Sauerland-Museum zeigt „Das Paradies vor der Haustür“

Das Camping-Idyll der Nachkriegszeit zeigt die Ausstellung im Sauerland-Museum mit einem Wohnwagen „Eriba Puck“, den sogar der Lloyd 300 mit nur zehn PS ziehen konnte. Foto: Stiftel

Arnsberg – Kaum zu glauben, dass sie in dieser Nussschale ihren Urlaub verbracht haben, damals, Ende der 1950er Jahre. Der „Eriba Puck“ war keine drei Meter lang, 1,90 Meter breit, Sperrholzwände. Leicht musste der Wohnwagen sein, damit ihn Kleinwagen wie der Lloyd 300 mit seinen gerade zehn PS ziehen konnte.

Die Szene im Sauerland-Museum Arnsberg ist also sehr realistisch: Vor dem Wohnwagen sind Campingtisch und Stühle aufgebaut. Man lebte draußen. Drinnen war neben Bett und kleiner Küchenzeile kein Platz mehr. Irgendwie niedlich wirkt das Arrangement, das für den neuen Massentourismus im Wirtschaftswunder steht. Es gibt viel zu staunen in der Ausstellung „Das Paradies vor der Haustür – vom Revier ins Sauerland“.

In seinem Neubau hat das Sauerland-Museum vor einem Jahr mit einer großen Ausstellung zu August Macke begonnen. Nun legt es nach mit einem populären, kultur- und sozialgeschichtlichen Thema, das durchaus nah liegt. Der Tourismus im modernen Sinn begann 1870: Da verband die Ruhrtalbahn die Industriestadt Hagen mit Arnsberg. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein durchgehendes Bahnnetz, das Arnsberg, Meschede, Winterberg mit den Industrie- und Wirtschaftszentren verband. Von da an konnten die Bewohner des Kohle- und Stahlreviers an nur einem Tag in die freie Natur fahren. Die Sommerfrische im Sauerland wurde zur Grünen Lunge des Ruhrgebiets. Und die Menschen zwischen Essen und Hamm wurden für das „Land der tausend Berge“ zum Wirtschaftsfaktor.

Davon erzählt die klug konzipierte Schau auf zwei Etagen. In einer Art Vorspiel gibt Jürgen von Manger in seiner Rolle als Adolf Tegtmeier das Motto vor: Er hat drei Wochen im „Paradies vor der Haustür“ der Woche Mallorca vorgezogen, er ist doch nicht blöd, teilt er mit. Die beiden Frauen und der Mann am Gasthaustisch im alten WDR-Film verkneifen sich mühsam das Lachen. Auch Tegtmeier kommt aus Hagen. Sagt er zumindest.

Die eigentliche Ausstellung beginnt mit der Arbeitswirklichkeit im Ruhrgebiet um 1900. Man sieht das Präparat einer Silikoselunge, Mülltonnen vor dem vergrößerten Foto eines Hinterhofs. Die Brauer waren die ersten, die sich 1903 drei freie Tage im Jahr erstreikten. Andere Branchen schlossen später Tarifverträge ab. Erst mit dieser freien Zeit gab es überhaupt die Chance für einen Massentourismus.

Das Sauerland setzte auf seine Stärken: Wandern und Wintersport standen am Anfang. Die Schau zeigt eine Wanderkluft um 1900. Auch der 1891 gegründete Sauerländische Gebirgsverein (SGV) gehörte zu den Motoren des Fremdenverkehrs. Luxuriös nach heutigen Maßstäben war der Urlaub nicht. Ein typisches Gästezimmer aus den 1920er Jahren hat zwar das Kruzifix über dem sichtlich durchgelegenen Bett. Aber fließend Wasser gab es nicht, und unter dem Bett stand der Nachttopf. Ungefähr 3,70 Mark zahlte man um 1900 für eine Übernachtung mit Vollpension. Eine Mark entsprach einer heutigen Kaufkraft von 6,50 Euro. Aber schnell entwickelte sich eine touristische Infrastruktur. Schon 1899 pries das Hotel Wwe. Hoffschulte in Arnsberg in einer Anzeige an: „Vorzügliche Küche. Beste Weine. Münchener und Dortmunder Biere. Mässige Preise. Schöner Saal mit Pianino.“

Und als vor dem Ersten Weltkrieg die ersten Talsperren aufgestaut wurden, da entstand auch ein reger Badetourismus. Zwischen den Kriegen fuhren regelmäßig Sonderzüge an den Möhnesee, das „Westfälische Meer“.

Die Ausstellung blendet auch die Zeit des Nationalsozialismus nicht aus, als auch der SGV gleichgeschaltet wurde und der Fremdenverkehr durch die Aktionen der Bewegung „Kraft durch Freude“ einen kräftigen Aufschwung nahm.

Wohnwagen, Fremdenzimmer, ein Bob, die Gondel einer Seilbahn – Großobjekte machen den Tourismus greifbar. Und immer wieder vermitteln historische Filmausschnitte plastische Eindrücke vom Fremdenverkehr zu Großvaters Zeiten. Da erfährt man dann, dass die Ärzte im Sauerland sich im Winter einen Extravorrat an Holzschienen zulegten. Zu leichtsinnig waren all die Touristen, die sich von den Sesselliften zur ersten Abfahrt wagten. Und die dann mit Beinbruch auf dem Krankenschlitten abtransportiert wurden.

Und auch einen Star präsentiert die Schau: Pierre Brice, der schon in den Karl-May-Verfilmungen den Apatschenhäuptling Winnetou gemimt hatte. Von 1976 an stieg er bei den Festspielen in Elspe in den Sattel. In einem WDR-Film erinnert sich Jochen Bludau, Geschäftsführer und Darsteller von Old Shatterhand, an den Einstieg des französischen Schauspielers, der nicht deutsch sprach und die „Zugabe“-Rufe als „Flughafen“ missverstand.

So spannt sich ein Erzählbogen über mehr als 100 Jahre von den Anfängen bis in die Gegenwart. Gerade in Corona-Zeiten wird der Werbeeffekt gerne mitgenommen: Wenn man mit der unterhaltsamen Ausstellung durch ist, kann man direkt vor der Tür weitermachen und noch etwas mehr Sauerland genießen.

Bis 4.10., di 9 – 18, mi – fr 9 – 18, sa 14 – 18, so 10 – 18 Uhr, Tel. 02931 / 94 4444, www. sauerland-museum.de Katalog 19,90 Euro

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