Sascha Hawemann inszeniert „Die Dämonen“ nach Dostojewski in Dortmund

Ein Sünder erleichtert sich: Szene aus „Die Dämonen“ in Dortmund mit Frank Genser und Alexandra Sinelnikova. Fotos: Hupfeld

Dortmund – Das geht nun wirklich an die Nieren. Frank Genser liegt vorn auf der Bühne, im Licht, den Oberkörper auf den Schoß von Alexandra Sinelnikowa gebettet. Ein Marienbild fast. Er beichtet. Quälend lang dehnen sich die Minuten, wenn er von Matrjoscha erzählt, die von der Vermieterin, ihrer Mutter, geschlagen wird. Wie er sich ihr nähert, erst die Hand küsst, wie der Trost umschlägt in etwas Schreckliches. Man sieht Genser den Schmerz an, die Gewissenspein. Die Wahrheit muss heraus, aber jeder Buchstabe tut weh.

Von Anfang an wirft sich Genser immer wieder auf den Boden, in Spasmen zuckend, und man leidet schon beim Zusehen mit. Bevor die Geschichte zur Sprache kommt, hat der Schauspieler die ganze tiefe Beschädigung der Figur vermittelt.

Selten sieht man solche Selbstzerfleischung eines Sünders so intensiv. Fjodor Dostojewski behandelt gerade die Schuldigen mit besonderer Zuwendung. So wie den Kinderschänder Stawrogin im Roman „Die Dämonen“. Sascha Hawemann hat mit dem Dramaturgen Dirk Baumann eine Bühnenfassung für das Schauspiel Dortmund geschaffen. Es wurde nicht nur eine Herausforderung für den Zuschauer, weil der Abend viereinhalb Stunden dauert. Ein Epos von fast 1000 Seiten lässt sich nicht mal eben so erzählen. Man sollte ausgeruht sein für diesen Trumm aus dem zaristischen Russland, der doch so viel mit der Gegenwart zu tun hat. Man darf es nicht verschweigen: Nach der Pause war der Saal halbleer. Schade, die Abgängigen verpassten einiges, zum Beispiel die grandiose Beichtszene.

Dostojewski beschreibt eine Stadt im Niedergang. Da ist Nikolaj Stawrogin, Sohn der Kapitalistin Warwara Stawrogina, der nach Strafe sucht. Er hat die verkrüppelte Schwester des Offiziers Gaganow geheiratet, aber er liebt Lisa. So wie der Dichter Stepan Warwara liebt, unerfüllt, seit 20 Jahren, die er als Hauslehrer von ihr ausgehalten wird. Stepans Sohn Piotr wiederum zieht die Strippen einer Ortsgruppe von Revolutionären, die Verhältnisse umkehren wollen. Alles eskaliert in einem Ausbruch von Gewalt, Mord, Brandschatzung.

Für all das findet Hawemann großartige Bilder. Als die Revolution ausbricht, beginnen die Darsteller zum Beispiel die strahlend weißen Wände (Bühnenbild: Wolf Gutjahr) mit schmutziggrauer Farbe zu bemalen. Die Besudelung fügt sich nach und nach zur Skyline einer Stadt. Mal wird ein Klavier über die Bühne gerollt, mal ein Schrank oder ein meterhohes spiegelverkehrtes R (ein kyrillisches Ia) mit Leuchtröhren oder ein hohles Kreuz, vor dem Piotr Erlösungs- und Gewaltfantasien entwickelt. Vorn sitzt der Musiker Xell an Klavier und Computer und untermalt das Geschehen mit suggestiven Klängen.

Vor allem aber bietet diese opulente Geschichte den Darstellern immer wieder Anlässe für anrührendes, fesselndes, gefühlsschweres Spiel. Das beginnt mit Uwe Schmieder, der als souveräner, zuweilen gar heiterer Erzähler durch den Abend führt, immer wieder Übergänge schafft.

Was für ein herrliches altes unerfülltes Liebespaar sind Andreas Beck als Stepan und Friederike Tiefenbacher als Warwara. Er ein resigniert ironischer Intellektueller, der in der Kunst Zuflucht sucht aus seiner prekären Situation. Sie eine resolute, machtbewusste reiche Witwe, die jedem mühelos das Wort abschneidet, während sie repräsentativ am Klavier sitzt. Und zwischendurch stapelt sie ordentlich ihre Rubelscheine zu dicken Bündeln.

Furios spielt Ekkehard Freye den wortverdrehenden Strippenzieher Piotr. Gleich beim ersten Auftritt: Gerade noch umarmt er den Vater, dann stiftet er gleich Streit, indem er vor Warwara kompromittierende Briefstellen ausplaudert, scheinbar in aller Unschuld und Ahnungslosigkeit. Je länger man ihm zuschaut, desto gruseliger verkörpert er den Prototyp des Populisten und Demagogen. Die Rezepte stammen von Dostojewski, zum Beispiel, es sei am besten, „viel, viel, viel, sehr eilig alles Mögliche zu behaupten, einfach mal irgendwas zu behaupten und es dann immer wieder und wieder zu wiederholen...“ So machen es ja heute noch die Internet-Trolle und die besorgten Bürger und die Weidels und Höckes. Aber wie geschmeidig er seine Opfer einwickelt, wie er sie umschmeichelt – und am Ende doch den Revolver abdrückt, davon könnten selbst Politprofis noch lernen. Dieser furchterregende Biedermann ist ein Erlebnis: Mitten im Aufstand dreht er sich im Triumphtanz, ein stiller Genießer.

Man schaut ihnen ja allen gern zu. Jakob Benkhofer ist ein wunderbar grober, zugleich idealistischer Student Schatow. Christian Freund spielt erst den Trinker Gaganow, später den nihilistisch verzweifelten Revolutionär Kirillow hochintensiv: Wie er im Schrank hockt, ein Kandidat für den Selbstmord, der immer wieder heraushuscht für eine Teepause. In solchen Momenten kann man verstehen, was tragikomisch wirklich bedeutet. Oder Annou Reiners, die zunächst die klumpfüßige und stumpfsinnige Marja bemitleidenswert realistisch verkörpert, und die später als revoltierende Studentin flammende Reden für Umsturz und Mord hält.

Keine leichte Kost, aber eine Klassikeraktualisierung, die lange nachklingt.

6., 13., 21.12., 8., 12., 16., 26.1., 22.2., wegen Überlänge Beginn jeweils 18 Uhr Tel. 0231/ 50 27 222 www.theaterdo.de

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