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Die Sammlung Gummersbach im Kunstmuseum Ahlen und „On Display“ von Fotografiestudenten der Folkwang Uni

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Von: Achim Lettmann

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„Fünf Gentlemen, England“ auf dieser Ambrotypie um 1860, die im Kunstmuseum Ahlen
Ernsthaft, standesbewusst und einander verbunden zeigen sich „Fünf Gentlemen, England“ auf dieser Ambrotypie um 1860, die im Kunstmuseum Ahlen zu sehen sind. © Dr. Hans Gummersbach

Frühe Fotografien aus dem 19. Jahrhundert und aktuelle Fotoarbeiten von Studierenden der Folkwang Universität Essen sind im Kunstmuseum Ahlen ausgestellt.

Ahlen – Es ist lange her. Und man sieht es den Bildern an. Zum Beispiel den „Fünf Gentlemen“ aus England, die sich versammelt hatten und ihr Selbstverständnis ausstellten, das der Ambrotypist um 1860 auf eine Glasscheibe bannte. Das Bild entstand mithilfe des lichtempfindlichen Kollodiums, das auf die Platte gegeben wurde. Einmal belichtet war ein Positiv entstanden, ein Unikat. Hier ist es oval gerahmt und mit dem schimmernden Schwarz hinter den Herren zum visuellen Zeugnis seiner Zeit geworden. Wer sich im Kunstmuseum Ahlen auf die historischen Aufnahmen einlässt, wird noch immer die Aura spüren, die die frühen Fotografien transportieren. Ein Faszinosum.

Die Ambrotypie entwickelte der Brite Frederick Scott Archer 1851 – im Todesjahr von Louis Daguerre. Der Franzose hatte 1839 ein fotografisches Verfahren entwickelt, das kommerziell nutzbar war, die Daguerreotypie. Er war ein Bühnenbildner an der Pariser Oper, er führte ein Diorama, das Besuchern die Illusion vermittelte, in einer fernen Welt zu sein, wie beispielsweise am Golf von Sorrent. Daguerre genoss Popularität. Bilderlebnisse waren angesagt.

Die Ausstellung „Neue Wahrheit? Kleine Wunder! Die frühen Jahre der Fotografie“ erweckt in Ahlen den Zauber dieser vergangenen Zeit. Die Daguerreotypie „Niagara-Fälle“ von Platt D. Babbitt, die um 1853 entstand, bringt die Ewigkeit des Naturschauspiels mit den modischen Accessoires der Damen und Herren seiner Zeit zusammen. Dem Hamburger Hermann Carl Eduard Biewend gelingt 1851 ein Selbstporträt, das einen gefühlvollen Moment zwischen Vater und Tochter festhält: „Ich und mein Luischen“. Die Daguerreotypie ist coloriert und zeigt, zu was das Verfahren schon in der Lage war: Emotionen sichtbar machen. „Ich sage Ihnen, man könnte den Verstand verlieren, wenn man so ein von der Natur gewissermaßen selbst geschaffenes Bild sieht“, sagte Louis Sachse, Kunsthändler 1839. Die Begeisterung ging von Frankreich aus um die Welt.

Im Altbau des Kunstmuseums sind insgesamt 250 historische Exponate ausgestellt. Hans Gummersbach (Münster), promovierter Historiker, zeigt erstmals seine private Sammlung. Die Ausstellung mit Stationen in Schweinfurt und Jena lässt einen die Sehnsucht nachfühlen, die Menschen antrieb, sich Bilder von der Wirklichkeit zu machen. Für die Kulissenbilder von einer fürstlichen Jagdgesellschaft hatte Martin Engelbrecht (Augsburg 1750) sechs Bildkarten angefertigt. Gestaffelt schaffen sie eine räumliche Tiefe, die mit Jagdhaus, Hirschen, Jägern und Treibern auch eine geordnete wie dramatische Szenerie entwerfen. In Ahlen kann man in solche Bildwelten eintauchen. Die erste Giraffe, die nach Europa geschafft wurde, ist in einem Guckkasten mit „Faltperspektive“ von 1827 erkennbar: angeleint wie ein Hund. Sie hieß „Zarafa“. 60 000 Franzosen wollten das Tier im „Jardin du Plantes“ sehen.

Die Sammlung Gummersbach ermöglicht auch den Blick durch eine tragbare Camera Obscura (um 1820). So verbindet sich eine 200 Jahre alte Technik mit einem Bild unserer Gegenwart – dem Museumsgarten in Ahlen.

Im Neubau des Kunstmuseums ist eine zweite Ausstellung zu sehen, die aktuelle Arbeiten von 18 Studierenden der Folkwang Universität aus Essen präsentiert. „On Display. Der Körper der Fotografie“ bietet künstlerische Beispiele, wie heute das digitale Bild den Display und Monitor verlässt, um einen Bildträger als Grundlage und Körper für die abgebildete Wirklichkeit zu finden. Fotodateien sollen nicht nur im Smartphone ausgespielt werden.

Das Kernziel, die Wirklichkeit so genau wie möglich abzubilden, gehört in den historischen Teil der Ahlener Ausstellung. Aber die Verbindung zu den Fotoarbeiten aus Essen ist das Interesse an der visuellen Erfahrung, die ein Fototräger mitliefert. „Beide Enden passen nun zusammen“, sagt Museumsdirektorin Martina Padberg und verweist auf Beispiele, wie das digitale Bild heute Verwendung findet. Für „On Display“ hat beispielsweise Asli Özcelik private Bilder hervorgeholt und mit dem Pinsel übermalt. „Ganz intiutiv“, sagt sie in Ahlen. Fotos vom Meer erhielten wesenartige Einmalungen, die man der Wasserwelt zurechnen kann. In ihrem Bild „Josh in the Metro, London 2019/2021“ materialisiert die dünne Farbschicht vielleicht einen Gedankenschleier, der den Porträtierten gerade beherrscht. Die übermalten Fotos sind gescannt, als Inkjet-Prints ausgedruckt und in Ahlen dicht gehängt. Ein Fotobuch ist ausgelegt.

Während Asli Özcelik das bearbeitete Foto wieder als klassischen Bildträger und im Fotobuch präsentiert, geht Helen Hickl ins Dreidimensionale. Die Studentin hat Datenmengen von Formen, die sie auf Folien abbildete, neu montiert, mit einem 3D-Keramik-Drucker ausgedruckt, glasiert und gebrannt. Hickl zeigt in „Gestaltwechsel“ drei Fotofolien und Skulpturen, die an modellierte Gebilde naturnaher Körper erinnern. Ein plastisches Formexperiment.

Für Elke Seeger, Professorin an der Folkwang Universität, ist der digitale Hype der 1990er Jahre überwunden. Damals trennte sich die Fotografie in analog (Negativfilm) und digital (Datenmenge). Kunstschaffende hätten mehr die Möglichkeiten als die Unterschiede gesehen, sagte Seeger in Ahlen. Aktuell heißt das, dass das Unikat wieder in den Mittelpunkt rücke. Das Bild lässt sich in ein anderes Medium übertragen, um einen Mehrwert zu erreichen. So entstehen „hybride Dinge“, wie das Fotogramm auf Barytpapier von Simon Ringelhan. Meerwasser spült in eine Kiste mit Fotopapier. Als sich die Welle bricht, löst der Fotograf ein Blitzlicht aus und die Welle wird dunkel auf den Kontaktabzug übertragen. Titel: „Zwischen Erregung und Benommenheit TT2“. Katharina Ley holt sich für „Reflections Scannographs“ Licht aus dem Flachbettscanner. Beispielweise bricht sich das Licht in einem textilen Stoff und hinterlässt blaue Farbstrukturen bei diesem technischen Prozess. In Ahlen werden die Bildergebnisse mit drei Leuchtkästen sichtbar gemacht, die außerdem an den Vorgang des Scannens erinnern.

Neben den konzeptionellen Bildideen der Studierenden aus Essen sind die historischen Fotografien auf ihre Weise aufwendig. Für die Serie „Street Life in London“ (1877/78) von John Thomson haben sich Arbeiter und Tagelöhner ablichten lassen. Ziel war es, die Armen im reichen London sichtbar zu machen. Der Journalist Adolphe Smith schrieb Porträts zu Kutscher, Blumenverkäuferin, Schusterjunge, Müllsammler. Die Fotografien gingen in Lieferungen an ein bürgerliches Publikum. Der Verlag Sampson Low, Marston & Company reproduzierte die Bilder als hochwertige Woodburytypien. „Street Life“ gilt als Pionierleistung der Straßenfotografie und Dokumentation. In der Sammlung Gummersbach ist die 37-teilige Serie vollständig rekonstruiert. Ein Teil davon wird in Ahlen ausgestellt.

Bis 29.5.; mi – sa 15 – 18 Uhr, so 11 – 17 Uhr; Tel. 02382 / 91 830; Katalog 29 Euro, Wienand-Verlag, Köln; www.kunstmuseum-

ahlen.de

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