Der Sammler Frank Hense zeigt junge Kunst in der Kunsthalle Hense in Gescher

Fasziniert von moderner Kunst: Der Sammler Frank Hense vor dem Diptychon „Floating“ (2018) des koreanischen Malers Yongchul Kim in der Kunsthalle Hense in Gescher. Foto: Stiftel

Gescher – „Schauen Sie sich den Farbauftrag an“, schwärmt Frank Hense. „Und dann noch das Thema. Aktueller kann Kunst doch nicht sein!“ In der Tat: Die nächtliche Szene mit vier Männern in einem Schlauchboot könnte auf dem Mittelmeer spielen, Flüchtlinge zeigen, die verloren ins Nichts treiben. Allerdings zielt der koreanische Maler Yongchul Kim in seinem Gemälde „Floating“ (2018) nicht auf Tagesaktualität. Sein Diptychon öffnet dem Betrachter Räume zum Assoziieren. Vielleicht hat er einfach vier junge Männer auf einem Abenteuertrip gemalt. Raffiniert hat er das Licht gesetzt, auf die Wasserfläche vor dem Boot. Die Insassen sind geheimnisvoll verschattet.

Zu sehen ist das Werk in der Kunsthalle Hense in Gescher. In der Kleinstadt im Münsterland hat der Bochumer Sammler und Unternehmer einen eigenen Schauraum für seine ständig wachsende Sammlung mit Gegenwartskunst geschaffen. Man würde hier, nah der Grenze zu den Niederlanden, fernab der Kunstmetropolen, so einen Kunstort nicht erwarten. Der Zufall spielte dabei schon mit: Hense, geboren 1967 in Gevelsberg, liebt das ruhige Leben auf dem Land. Er fand einen passenden Wohnort eben in Gescher.

Das Gebäude, wo jetzt Kunst hängt, war früher die Turnhalle der Grundschule Pankratius. Dann hatte darin der Heimatverein sein Kutschenmuseum untergebracht. Als die Gemeinde das Haus neu nutzen wollte, bewarb sich Hense mit dem Konzept eines Ausstellungsraums. Er überzeugte die Kommunalpolitiker. Dabei mag der Umstand geholfen haben, dass das Kunstmuseum Bochum Henses Sammlung 2014 präsentiert hatte. Seit März 2018 gibt es die Kunsthalle Hense, trägt er Kultur ins Münsterland. Unter dem Titel „Lust auf Neues!“ zeigt der Sammler Neuerwerbungen der letzten Jahre, rund 60 Gemälde, Skulpturen, Papierarbeiten.

Hense sammelt seit Jahrzehnten. Schon als Schüler interessierte er sich für Kunst, hatte sich in Wuppertal für ein Studium beworben. Aber seine Mappe habe keinen Anklang gefunden, erzählt er. Weil sein Vater sich sowieso wünschte, dass er in das Familienunternehmen einstieg, und weil ihn auch Naturwissenschaften interessierten, verdient er sein Geld inzwischen mit Maschinenbau. Seit 20 Jahren leitet er das Unternehmen. Das Sammeln hat er nicht aufgegeben. Das entwickele sich zur Sucht, sagt er: „Ich kaufe und kaufe und kaufe.“ Mittlerweile sind rund 600 Werke zusammengekommen. Ganz genau weiß er es selber nicht.

Sein Antrieb zu sammeln sei nicht wertorientiert, betont er. Er sammele aus Leidenschaft und nicht zur Investition. „Klar bin ich froh, wenn meine Künstler sich entwickeln“, ergänzt er. Wie Yongchul Kim, der gerade auf dem Kunstmarkt sehr gefragt ist. Das Diptychon habe er noch für unter 10 000 Euro gekauft. Hense vermutet, es würde heute bereits mehr wert sein. Eine gewisse Sicherheit für den Notfall biete die Kunst aber schon: „Wenn man nicht allzu einfältig sammelt, ist es doch zumindest Werterhalt.“ Aber ihm müsse ein Bild zunächst einmal gefallen.

Er ist mit Galeristen und Künstlern befreundet. Die Malerin Birgit Brenner zum Beispiel hat ihm zum Geburtstag zwei Tuscharbeiten auf Pappelsperrholz geschenkt. Sie ist Professorin an der Kunstakademie in Stuttgart. Aus diesem Netzwerk bekommt er Tipps, Hinweise auf vielversprechende Schüler oder Kollegen. Und er besucht natürlich die Abschlussausstellungen von Akademien.

In der Ausstellung sind international bekannte Künstler zu sehen. Da findet man Bronzen von Stefan Balkenhol wie den Mann, der auf einem Seepferdchen reitet, und den „Mann mit Rose“ (2016). Gleich die ersten Arbeiten im Ausstellungsraum sind Grafiken von Neo Rauch, dem Star der Neuen Leipziger Schule, und von seiner Frau Loy. Ausgestellt sind frivole Aquarelle von Cornelia Schleime wie der „Schimmelreiter“ (2005), wo unter den Hufen als Randarabeske Oralsex dargestellt ist.

Gleich im Eingangsbereich der Schau ist das kleine Gemälde „Monkey (Flag)“ (2009) des US-Malers Joe Biel zu sehen, ein Affe mit verbundenem Arm, der einen weiße Flagge schwenkt. Hense meint, der Gesichtsausdruck des Tiers sei so menschlich.

Aber Hense sucht eben auch die Entdeckungen, junge Talente, die vielleicht morgen gefeiert werden. So wie die Bilder von Ulrike Theusner. Da erinnert ihn die Malweise an van Gogh. Aber was sie male, sei dann doch wieder ganz heutig.

Oder die fast monochromen Aquarelle der polnischen Künstlerin Malgosia Jankowska. Das quadratische Großformat „Summer Tales II“ (2018) zeigt einen Teich auf einer Waldlichtung mit badenden Mädchen und einem Ruderer. Große Pilze sprießen aus dem Boden. „Das hat doch eine Stimmung wie im Märchen“, sagt Hense. Solche Arbeiten gefallen ihm. Er schätzt gegenständliche Kunst, mit Abstraktion kann er weniger anfangen. „Ich möchte eine Geschichte entdecken in einem Bild“, betont er.

Aber auch Installationen gehören zu seiner Sammlung wie „Über das Deutsche – eine Humoreske“ von Jörg Hildebrandt: Ein Besen lehnt an der Wand, ein Kehrblech liegt davor, darauf gekehrt: schwarze Käfer. Spielzeugautos. Und daneben hängen gerahmt Verse aus Wilhelm Buschs Bildgeschichte „Max und Moritz“: „...jetzt ist‘s vorbei mit der Käferkrabbelei!“ Der boshafte Kommentar zur Situation der deutschen Autoindustrie gefällt dem Sammler.

Dann sagt er: „Wissen Sie, dass ich demnächst ein zweites Museum eröffne?“ Vor einigen Monaten hat er in seiner Geburtsstadt Gevelsberg die Friedenskapelle gekauft, die ehemalige Kirche einer freikirchlichen Gemeinde. Darin soll ein weiterer Teil seiner Sammlung präsentiert werden. Die Eröffnung ist für den 9. Mai 2020 geplant. Für die erste Ausstellung will er die Bronzen von Stephan Balkenhol zeigen.

Bis 2.2.2020,

geöffnet so, 14 – 18 Uhr, www.hense.art

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