„Neuer Zirkus“ in Recklinghausen

„Sacre“ der Gruppe Circa bei den Ruhrfestspielen

Akrobatinnen und Akrobaten der Gruppe Circa in „Sacre“.
+
Akrobatinnen und Akrobaten der Gruppe Circa in „Sacre“.

Kräftige Körper bewegen sich zu Igor Strawinskys Musik in der Choreografie „Sacre“. Die Gruppe Circa überzeugt bei den Ruhrfestspielen.

Recklinghausen – Ein Lichtkegel fällt auf die dunkle Bühne des Festspielhauses in Recklinghausen. Der helle Kreis markiert eine Kultstätte zur Vorstellung „Sacre“ vom Circa Contemporary Circus aus Australien. Bei den Ruhrfestspielen definieren die Akteure der Reihe „Neuer Zirkus“ auch den Platz für Begegnungen neu. Die Manege ist ein radikal offenes Areal geworden, wo laute Sensationen mehr von Bewegungen abgelöst werden, die einen tief berühren. In den Spielzeiten vor der Corona-Pandemie entwickelte sich diese theatrale Form zu einem Publikumsmagneten in Recklinghausen. Neben neun geplanten Produktionen bei den 75. Ruhrfestspielen war „Sacre“ als digitaler Stream zu sehen und blieb danach noch zwei Tage im Netz (on-demand).

Eigentlich sollte die Neuproduktion von Circa und seinem künstlerischen Leiter Yaron Lifschitz bereits 2020 aufgeführt werden. Nun ereignete sich die Deutschlandpremiere im zweiten Corona-Jahr der Ruhrfestspiele. Es war eine ergreifende körperliche Darbietung von vier Akrobatinnen und sechs Akrobaten. Zur Musik von Philippe Bachmann und Igor Strawinsky überzeugten die Bewegungsfiguren als Sinnbilder zur Urzeit des Menschen. Yaron Lifschitz orientierte sich an Strawinskys Musik zu „Le Sacre du Printemps“ (1913) und dem vorchristlichen Opferritual, bei dem ein junge Frau sterben muss.

In Recklinghausen stimmt Philippe Bachmann mit Wind- und Schlaggeräuschen den Grundton einer wüsten Archaik an. Aus der Bühnenfinsternis lösen sich Frauen und Männer, sie fassen sich bei den Händen, stellen sich übereinander, probieren das Gemeinsame und stellen ihre muskulöse Körperlichkeit aus. Jede Hebefigur hat eine packende Eigendynamik, die sogar bei der zweidimensionalen Projektion ihre Besonderheit behält.

Die Akrobaten scheinen mit den Beuge- und Kippmomenten ihrer Körper der Schwerkraft zu trotzen. Dabei wirken die Menschen wie Suchende, die im Spiel eine soziale Form probieren, weil sie einer ursprünglichen Zuversicht folgen: gemeinsam geht es besser. Auch Strawinskys moderner Klassiker wird hier mit seiner dissonanten Dramatik instrumentalisiert. Das „Opfer“, die junge Frau, kann in „Sacre“ nach ihren Flickflacks und Streetdance-Drehungen allein in die Dunkelheit entkommen. Die anderen bleiben zurück.

Circa tourt seit 2004. Die Gruppe aus Brisbane hat über eine Millionen Menschen in 40 Ländern begeistert.

Bis 1. Juni bleiben die Veranstaltungen der 75. Ruhrfestspiele digital.

www.ruhrfestspiele.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare