Der bleierne Alltag von gewöhnlichen Menschen

Saara Turunen inszeniert ihr Stück „Das Gespenst der Normalität“ am Schauspielhaus Bochum

Das Gespenst der Normalität Schauspielhaus Bochum
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Veronika Nickl, Michael Lippold, Dominik Dos-Reis (sitzend), Marius Huth (von links) im Stück „Das Gespenst der Normalität“ in Bochum. Foto: Michael Saup

Bochum – Es ist, als läge ein Spuk auf dieser Familie. Sie entspricht dem Ideal der Konservativen: Vater, Mutter, ein Sohn, eine Tochter. Freudlos leben sie nebeneinander her. Vater und Sohn schauen eine Tiersendung im Fernsehen an. Das Mädchen freilich wirkt noch etwas spukiger, steht starr beiseite, macht nicht mit. Bis die Mutter es an den Tisch führt und ihm ein Kleid überzieht. Dann gibt es eine Familienaufstellung wie für ein Foto. Alles geschieht stumm. Bis die Mutter sagt: „Ich habe nur einen Wunsch in diesem Leben. Und der lautet, dass ich normal sein darf, also ein ganz gewöhnlicher Mensch.“

Normal sein, man liest es zur Zeit auf Wahlplakaten, das ergibt sogar eine politische Forderung. Die finnische Theatermacherin Saara Turunen befragt in ihrem Stück „Das Gespenst der Normalität“ diesen Begriff. Das ergibt am Schauspielhaus Bochum einen wunderbar verschrobenen, in Melancholie getränkten und zugleich von trostvoller Heiterkeit aufgehellten Abend. Dabei zeigt sich, dass das Normale eine Leerformel ist, die von verschiedenen Menschen jeweils sehr unterschiedlich gefüllt wird. Für dieses Lehrstück ohne Lehre findet Turunen, die auch inszeniert, Szenen, die mit ganz wenig Text auskommen und unter einer leisen Poesie Grausamkeiten verbergen. Das Mädchen, das laut Regieanweisung „wie ein Junge aussieht“ (und von einem Mann gespielt wird), wird von der resoluten Mutter in eine Rolle gezwungen. Ein Kleid genügt. Weniger harmlos erscheint die Schulszene, in der die Lehrerin für alle Kinder bis auf eins eine graue Vogelmaske aus einer Kiste zieht. Für einen Jungen bleibt nur ein gelber Papageienkopf. Mit einer List locken die anderen ihn aus dem Raum. Während sie seltsam gefühllos singen, „Kommt ein Vogel geflogen“, klopft er an die Tür und bettelt darum, wieder eingelassen zu werden. So funktioniert Ausgrenzung, so macht man aus dem Mitschüler einen Fremden, einen „Anderen“.

Manch absurdes Bild eskaliert ins Politische: Da marschieren Männer ein, hissen auf einem tragbaren Fahnenmast eine Unterhose und recken den Arm zum Hitlergruß. Eine Frau tritt ein und kritisiert die Geste. Ein Mann beschwichtigt, nein, das könne kein Hitlergrußsein, schließlich gebe es hier keine Nazis. Und er kehrt die Verhältnisse um, mahnt die Frau, sich zusammenzunehmen, sonst erscheine sie als „schwieriger Mensch“.

Später wird das Motiv variiert: Der Abwiegler zieht einem Kissen ein Kleid über und nutzt die symbolische Frau zur hemmungslosen Triebbefriedigung, mit immer wilderen, zunehmend gewalttätigen Aktionen. Am Ende schlitzt er das Kissen mit einem Messer auf und steckt sich die Federn stöhnend in die Hose. Ein Lustmord. Wieder findet eine eintretende Frau das kritikwürdig. Und wieder findet sich ein Verteidiger, der alles „ganz normal“ findet. Und sogar für den Teppich, der so lange herumgetragen wurde, findet sich eine Verwendung.

So macht der Abend die Fragwürdigkeit deutlich, die in bestimmten Auffassungen von „normal“ steckt. Das alles geschieht in strengen, zurückgenommenen Choreografien, in einer schrägen Bildsprache, die ein spießiges Wohnzimmer in einen Ort verwandelt, der Welt ist (Bühnenbild: Milja Aho). Musik von Satie, Schostakowitsch, Sibelius stützt die graue Schwermut des Abends. Gespielt wird das von einem fabelhaft wandlungsfähigen Ensemble: Niki Verkaar, Veronika Nickl, Michael Lippold, Dominik Dos-Reis, Marius Huth. Sie sind mal Familie, mal Schüler, mal Männer auf einer Party, die es „richtig krachen lassen“, aber nur freudlos herumstehen, aus den Taschen absolut synchron Bierflaschen ziehen, trinken. Am Ende der tristen Party bleibt einer zurück, zuckt erst zur Musik und tanzt dann immer wilder. Der Ausbruch aus der bleiernen Normalität kann befreien. Aber Turunens Figuren stürzen schnell wieder zurück in ihren Alltag. Der präzise eingerichteten Normalitätsmaschine entkommt man so leicht nicht.

26.9., 9., 10. 24.10.,

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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