„Rheingold“ bei der Ruhrtriennale in Bochum

Der Gott kommt mit Folterspritze: Wotan (Mika Kares) nimmt Alberich (Leigh Melrose) den Ring ab. Szene aus der Inszenierung des „Rheingolds“ bei der Ruhrtriennale in Bochum. -  Foto: dpa

BOCHUM - Geld macht nicht gut, das steht schon in der Bibel. Wie viele Kamele seitdem in den Himmel eingezogen sind, mag die Religionsdeutung beschäftigen. Nun hat Richard Wagner mit seinem „Ring“ ein veritables Weltentheater mit universeller Anschlussfähigkeit geschaffen, das sich bestens kapitalismuskritisch lesen lässt. In Frank Castorfs Regie in Bayreuth wurde dem Öl nachgejagt. In Bochum, wo der Intendant der Ruhrtriennale, Johan Simons, seine erste Wagner-Arbeit vorlegt, sind es Steine.

Das „Ruhrpott“-Rheingold ist einer der Höhepunkte der Triennale, eine gewaltige Produktion. Simons zeigt in der Jahrhunderthalle ein riesiges Schaubild, ein gigantisches Gerüst. Die Spitze bildet eine in Bau befindliche Villa Hügel als Götterburg. In der Mitte sitzt das Orchester, darum Statisten auf Plastikstühlen.

Vor dem Podium ist noch eine Spielfläche entstanden, auf der Bühnenmeisterin Bettina Pommer das Ende von Beginn an andeutet: Der Rhein wird durch drei Becken vertreten. In den drei Pfützen sind Stuckreste und Schutt erkennbar. Es ist eine Saaldecke, aus der noch ein Kronleuchter ragt. Passend dazu bleibt die Villa oben geschlossen, ihr Inneres also Projektion. Zwei spiegelverkehrte Welten, deren Bruchachse sich durchs Orchester zieht, durch das die Sänger laufen, um hinauf und hinab zu gelangen. Sie müssen ganz schön sprinten.

Für die musikalische Ausführung hat Simons Teodor Currentzis geholt. Er bändigt die Sänger und Musiker in diesen Riesendimensionen sehr gut. Sein Wagner ist eigen, wie erwartet. Der Klang ist zugeschärft, aber an entscheidenden Stellen transparent und deklamatorisch. Currentzis macht eine Musik der Zauber und der wilden Ideen. Er denkt frühwagnerianerisch, aufrührerisch. Seine Temporückungen und eigensinnigen Betonungen sind gut für ein süffiges, oft aufregendes Hörereignis.

Um die Oper in die Moderne zu öffnen, legt der finnische Elektromusikkünstler Mika Vainio wabernde Töne in den Raum. Sie umarmen den Besucher schon beim Hereinkommen mit dem Es-Dur-Klang, mit dem der Ring beginnt und endet. Noch tiefer als die Fagotte und Kontrabässe, die laut Partitur die ersten Töne spielen, dröhnt der Synthesizer, bis man es mit dem Körper spürt.

Die Musik kommt zum Publikum. In der Verwandlungsszene, als Wotan und Loge nach Nibelheim fahren, beginnen die Ambosse zu schlagen, dann brechen elektronische Akzente die Partitur auf, bis man sich fühlt wie in einer mythologischen Disco. Dazu ruft Stefan Hunstein, der als stummer menschlicher Diener eingebaut wurde, kapitalismuskritische Sätze von Elfriede Jelinek. Mitglieder von Currentzis’ Orchester MusicAeterna schlagen mit Hämmern überall in der Halle auf Metall. Der Industrieklang als große Umschlingung. Wo, wenn nicht hier, will man solche Tricks machen?

Das ist Überwältigungstheater. Currentzis weiß gut, was Klang bewirken kann. Als beim Riesen-Thema Bläser und Schlagwerk den Klang von hinten aufzurollen drohen, lässt er Violinen und Bratschen aufstehen. Das Ergebnis raubt den Atem.

Sängerisch ist das „Rheingold“ überwiegend sehr gut, vor allem dank Mika Kares, der als Wotan Großmannssucht und erste Zweifel vermittelt. Leigh Melrose als Alberich ringt bei starker stimmlicher und schauspielerischer Leistung jedem Moment Intensität ab. Sein Alberich vögelt die Rheintöchter als Gummipuppen und greift sich verzweifelt in den Schritt. Da wird der Liebesverzicht deutlich. Jane Henschels leuchtende Erda ist ein wunderbarer Ruhepol.

Gelegentlich ist die Musik klüger als die Inszenierung. Freia (Agneta Eichenholz mit leuchtendem Sopran) als Sadomasofantasie hinzustellen, geht noch an. Simons meint, dass eine Gesellschaft ihren Mitgliedern Fantasien anbietet, die sie bei der Stange halten – Sex, Geld, Macht. Aber Fricka (die feinfühlige Maria Riccarda Wesseling) als Karikatur des Industriellenweibchens? Das ist einfallslos.

Es fällt auf, dass Simons sich kapitalismuskritisch gibt, aber eine nostalgische Ruhrgebiets-Ikonografie benutzt: unten die Malocher, oben die, die durch Kohle reich wurden. Sex und Gewalt sind Symbole. Migranten kommen nicht vor. Und gäbe es nicht, um im Raster Arbeiter/Unternehmer zu bleiben, an Ruhr und Rhein genügend moderne Player, die als Zeugen einer un- und übermenschlich agierenden Wirtschaftspolitik hätten herhalten können?

Aber Simons bleibt lieber bei seinem „Sei umschlungen, Ruhrgebiet“-Motto, wissend, wie stark die Kohle-Nostalgie noch wirkt. Das ist nicht radikal, sondern Zucker für die Eingeborenen.

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