Das Ruhrmuseum Essen präsentiert seine Fotos im Bildband „Heimat“

Das Glück im Revier: Henning Christoph fotografierte die Szene im Schrebergarten Essen-Katernberg 1990. Alle Fotos: aus dem besprochenen Buch

Essen – Die Beete sind sauber gezupft, die Wegplatten gefegt. Nun setzt er die Bierflasche an, sie wird gleich in den Promiblättchen schmökern, die auf dem Tisch liegen. Ein großes kleines Glück im Schrebergarten, das Henning Christoph 1990 in Essen-Katernberg fotografierte. Da stört auch die Kohlenhalde nicht, die man hinter viel Grün im Hintergrund entdeckt.

Das Bild gehört zum riesigen Fundus des Ruhr Museums, das rund 4 Millionen Negative sowie einige zehntausend Abzüge und Dias verwahrt. Das Essener Haus versteht sich als Bildgedächtnis des Ruhrgebiets. Dazu gehört auch, die Schätze nicht als totes Archivgut einfach in Schränke zu stecken, sondern sie zugänglich zu machen. Der Bestandskatalog deckt nur einen Bruchteil der Sammlung ab. Da ist der neue Auswahlband „Heimat – Fotografien aus dem Ruhrgebiet“ willkommen, in dem Sigrid Schneider, bis 2012 die Leiterin der fotografischen Abteilung am Ruhr Museum, 235 Bilder von 1894 bis in die 2000er Jahre zeigt. Viele Aufnahmen wurden bislang nicht veröffentlicht.

Das Buch belegt aufs Neue die große Qualität der Sammlung. Man findet Aufnahmen von renommierten Künstlern wie Brigitte Kraemer, Anton Stankowski, Thomas Struth, Rudolf Holtappel, Michael Wolf, Joachim Brohm und vielen anderen. Daneben griff die Herausgeberin auf den Fundus von Pressefotografen wie Marga Kingler, Peter Kleu, Anton Tripp zurück. Und auch die inszenierten Bilder zum Beispiel aus den Werbeabteilungen der Ruhrkohlen-Beratung und der Co op AG sind bei aller erkennbarer Künstlichkeit Zeitdokumente. Wunderbar, wie Ludwig Windstösser um 1968 eine junge Frau im Minirock ihrem modernen Kohleofen einen verliebten Blick zuwerfen lässt. Oder der grinsende Metzger mit Schimanski-Schnäuzer, der für Co op in den 1970er Jahren einen Schinkenbraten in die Kamera hält.

Diese Bilder erzählen Geschichten zur Geschichte des Reviers. Peter Kleu lichtet 1959 einen Bochumer Bergmann mit seiner Frau im Wohnzimmer ab. Er liest Zeitung, sie hantiert am Fernsehgerät. Dass der Mann so viel Freizeit hat, ist gar nicht idyllisch: Er wurde wegen Silikose (Staublunge) frühpensioniert. Auch Willy van Heekerns Aufnahme vom Sommerschlussverkauf in Essen 1950 ist ein Zeugnis der Normalität, die sich relativ schnell nach Kriegsende wieder einstellte: Polizisten stemmen sich vergeblich gegen die kauflustigen Kunden. Und welche Nonchalance am Arbeitsplatz fängt Rudolf Holtappel um 1960 ein beim Abstich am Hochofen A im Hüttenwerk Oberhausen: Ein Stahlkocher gibt mit der glühenden Metallstange dem Kollegen Feuer. Am Arbeitsplatz durfte geraucht werden. Unerwartete Ansichten des Reviers bietet Brigitte Kraemer, sei es mit der Ekstase eines Hindus bei der Prozession in Hamm-Uentrop 2006, sei es mit einem exotischen Urlaubsparadies mit einem Swimming Pool unter Palmen in Duisburg-Marxloh 2007. Und Herribert Konopka zeigt Fußballfaszination auf Schalke 1966: Da bilden die Zuschauer noch ein gesittetes Bild. In strengen Reihen schauen die Fans zu, fast nur Männer, fast alle in Anzug oder Mantel, viele mit Hut. Keine Spur von Trikots, Pyros oder Choreo-Überschwang. Zwei Herren haben den Fotografen bemerkt und schauen in die Kamera.

Aber der Bildband „Heimat“ bringt nicht einfach aussagekräftige Bilder. Das Buch soll die vertrauten Vorstellungen vom Revier aufbrechen, indem überraschende Blickwinkel gesucht werden. Darum sortiert die Herausgeberin die Fotografien in Kapiteln, die jeweils mit Begriffspaaren überschrieben sind wie „draußen und drinnen“, „dreckig und sauber“ und „tun und lassen“. Statt irgendeiner nachvollziehbaren Ordnung zu folgen, sei es nach Orten, nach der Zeit, nach Motiven, versucht sie Aufnahmen gegenüberzustellen für einen gewissen Unterhaltungseffekt. Manchmal zündet der Witz, zum Beispiel wenn links eine lachende junge Frau für die co op AG Frottiertücher in die Kamera hält (1984) und rechts Willy van Heekern duschende Bergleute in der Waschkaue der Zeche Sälzer-Amalie ablichtet (um 1939). Oder wenn auf einer Seite zwei Sorten Flaschenkinder zu sehen sind: Oben der lachende Knabe am Kühlschrank mit der Milch, unten drei noch schwarze Bergleute mit dem ersten Bier nach der Schicht.

Oft aber wirkt die Zuordnung willkürlich: Warum sind die kleinen Rodler, die Willy van Heekern um 1927 in Werden aufnahm, unter „draußen und drinnen“ einsortiert, Marga Kinglers festgefahrenes Auto im Jahrhundertwinter 1962/63 aber unter „heiß und kalt“? Und ja, der Stahlkocher in Montur steht für „heiß“ und die geeisten Getränke (Werbebild co op) für „kalt“. Aber als Kombination ist das Paar doch sehr vordergründig. Und warum sind die beiden Models im Badeanzug (Willy van Heekern, 1966) nun „heiß“? Ist das nicht eher ein Herrenwitz jener fernen Epoche? Missverständnisse sind programmiert, wenn links das Lehmbruck-Museum mit Lehmbrucks „Knieender“ (Rudolf Holtappel, 1966) gezeigt wird und rechts ein Mann im Anzug, erkennbar mit Migrationshintergrund, im Fotostudio (Helga Hethey, um 1978). Welches Bild soll da für „sauber“ stehen, welches für „dreckig“? Die Bilder für sich sind unschuldig. Allein der selbst gesetzte Zwang zum Einsortieren sorgt für die gewiss unbeabsichtigte Irritation.

Schade, das Streben nach Gefälligkeit nimmt dem Band doch einiges an Wirkung. Trotzdem macht es schon Spaß, sich darin durch mehr als 100 Jahre Bildgeschichte zu blättern.

Sigrid Schneider (Hg.): Heimat – Fotografien aus dem Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen. 208 S., 29,95 Euro ww.ruhrmuseum.de

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