Die Ruhrfestspiele zwischen Happening und rechten Untergangsfantasien

Ein abendländisches Dinner entgleist: Szene aus dem Stück „Das Heerlager der Heiligen“ mit Michael Schütz, Xenia Snagowski und Katharina Bach (von oben nach unten). Foto: Schittko

Recklinghausen – Mit Umarmungsgesten öffnen sich die Ruhrfestspiele. Am Samstag wurden beim Happening „What is the City but the People“ vor dem Rathaus in Recklinghausen ausgewählte Bürger der Stadt zu Hauptdarstellern. Das Tanztheaterstück „Beytna“ am Eröffnungsabend mündete in einem Gastmahl, zu dem auch das Publikum eingeladen war Ganz anders hingegen der sperrige Schauspielabend „Das Heerlager der Heiligen“, der ein Schlüsselbuch der Neuen Rechten aus Frankreich auf die Bühne brachte.

Es braucht nicht viel, um Tausende Zuschauer selbst in strömendem Regen an den 50 Meter langen gelben Laufsteg zu fesseln. Menschen interessieren immer. 150 Recklinghäuser präsentierten sich also in einer einstündigen Parade, einfache Menschen wie Rita, die gute Seele von der Telefonseelsorge, Rudi, der als letzter Pferdejunge unter Tage arbeitete, Eva als der Tapasbar. Auf Großleinwänden bekam jeder seinen knappen Kommentar: Robert, der aus Togo ins Revier kam, und sein Sohn Denis. Kenan aus Syrien, der auf der Flucht seinen Rucksack mit einem wichtigen Notizbuch verlor und den wundersamer Weise tausende Kilometer später wiederbekam. Auf eingängige Weise wurde die Vielfalt einer Stadtgesellschaft sichtbar: Politiker präsentierten sich ebenso wie Obdachlose, Migranten wurden beklatscht wie Anna, die in wenigen Tagen ihre Tochter auf die Welt bringen wird. Man fühlte mit Elke, die einen Schlaganfall überstanden hat und sich in der Altenpflege verheizt findet. Taubenzüchter ließen Vögel steigen, ein frisch verheiratetes Paar präsentierte seine Zweisamkeit, eine Sozialarbeiterin zeigte sich mit Frau und Kindern.

Das Konzept stammt vom britischen Konzeptkünstler Jeremy Deller. In Recklinghausen inszenierte Richard Gregory. Die dröhnende Livemusik kam von DJ Moguai, einem Techno-Weltstar – aus Recklinghausen. Und es wurde kräftig dem Wir-Gefühl geschmeichelt, nicht zuletzt, wenn es von einem hieß, er sei zwischendurch nach Berlin gegangen, aber heimgekehrt, weil ihm Recklinghausen so gefehlt habe.

Heftig geht es zu im Kleinen Haus, wo Hermann Schmidt-Rahmer ein rassistisches Skandalbuch auf die Bühne bringt. Der französische Autor Jean Raspail beschreibt in seinem 1973 erschienen Roman „Das Heerlager der Heiligen“ so etwas wie den Untergang des Abendlandes. Von Indien aus kommt eine Flotte voller Flüchtlinge und überschwemmt den Kontinent. Die dekadent gewordenen Europäer haben dem Ansturm nichts entgegenzuhalten. Das Werk ist ein Kultbuch der Neuen Rechten, es nimmt die Angstvisionen einer „Umvolkung“ vorweg.

Schmidt-Rahmer verlegt das Geschehen in den Saal eines alten Schlosses, wo sechs Akteure eine Art letztes Abendmahl zelebrieren, ehe sie zu den Flinten greifen, um die Invasion der Fremden abzuwehren. Gewiss gibt es Einschübe, Versuche zu Brechungen. Aber der krude Text mit seinem Zynismus über die Gutmenschen, die von ihrem Mitleid wehrlos gemacht werden, mit seinen obszönen Sex- und Gewalt-Visionen von Blut, Kot und Sperma lässt sich nicht überzeichnen. Ein „Kotkneter“ mit einem verkrüppelten Kind als Orakel auf der Schulter führt die Flüchtenden an. Da wird beschrieben, wie Kriegsschiffe der Flotte entgegengeschickt werden. Aber die Besatzung weigert sich, auf die Wehrlosen das Feuer zu eröffnen. Die Darsteller bedienen eine breite Klaviatur der Emotionen von arrogantem Zynismus bis zu blanker Verzweiflung, sie sind hilflose Militärs, linke Reporter, kaltschnäuzige Adlige. Aber sie reproduzieren den Nihilismus eines Textes, der sich um Wirklichkeit nicht mehr schert. Schmidt-Rahmer greift auf ein Element zurück, das er 2016 in seiner Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“ in Bochum eingesetzt hatte. Er verbildlicht die „Flüchtlingswelle“ durch rosa Babypuppen, die auf die Bühne geworfen, geschüppt werden. Am Ende ruft Xenia Snagowski, dass es die Flotte gar nicht gibt. Aber das geht unter in den apokalyptischen Schwelgereien, wird von den anderen abgetan wie heute Rechte Fakten als „Fake News“ verleugnen.

Schmidt-Rahmers Regie versagt bei Raspails Machwerk. Man quält sich fast zwei Stunden lang ohne aufklärerischen Mehrwert.

„Heerlager“ 6.5.,

Tel. 02361/ 92 180

www.ruhrfestspiele.de

ab 16.5. am Schauspiel Frankfurt

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