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Ruhrfestspiele Recklinghausen mit „Haltung und Hoffnung“

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Von: Achim Lettmann

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Achtung, Aufnahme! Künstler William Kentridge ist vor seinen Zeichnungen zu sehen.
Achtung, Aufnahme! Künstler William Kentridge ist vor seinen Zeichnungen zu sehen. Die Ruhrfestspiele eröffnen mit seinem zweiteiligen Bühnenabend im Mai: „Sybil“ in Recklinghausen. © Stella Olivier

Wie in alten Zeiten: Die 76. Ruhrfestspiele haben ein Programm mit 220 Veranstaltungen, 92 Produktionen und 650 Künstlerinnen und Künstler vorgelegt.

Recklinghausen – In Krisenzeiten muss ein aufmunterndes Motto belastbar sein. „Haltung und Hoffnung“ haben sich die Ruhrfestspiele schon vor Wochen auf die Fahnen geschrieben. Nun wird bei der Programmvorstellung die Losung nicht nur gegen die Folgen der Corona-Pandemie platziert, sondern auch gegen eine neuerliche Herausforderung für unsere Gesellschaft: Krieg in der Ukraine. Dabei zielte Festivaldirektor Olaf Kröck mit „Haltung und Hoffnung“ vor allem auf den Demokratieverlust der letzten Jahre. Außerdem bedauert Kröck, dass sich immer weniger Menschen hinter wissenschaftlichen Erkenntnissen versammeln. In Recklinghausen gab sich der Theatermacher aber zuversichtlich und entschlossen. „Vielfalt sorgt für Kraft in unserer Gesellschaft“, sagte er auf der großen Bühne am grünen Hügel. Das 76. Festival findet vom 1. Mai bis 12. Juni statt.

Die Ruhrfestspiele steuern auf eine Ausgabe zu, die endlich wieder ihren Platz in der Theaterlandschaft einnehmen kann. Im letzten Jahr fanden die Festspiele vor allem digital statt, 2020 waren sie coronabedingt ganz ausgefallen. Für 2022 sprechen die Macher zwar von Tests, Abstand halten und Masken. Aber insgeheim hoffen alle auf einen sonnigen Mai/Juni und weniger Coronamaßnahmen. Das wird sich zeigen.

Sicher ist bereits das Programm, das mit 92 Produktionen und 220 Veranstaltungen in 15 Spielstätten stattfinden soll. Mit 650 Künstlerinnen und Künstlern aus rund 20 Ländern wird an bessere Zeiten erinnert. Und die Gesellschafter, Unterstützer, Sponsoren und der Bund haben das traditionsreiche Bühnenfest zuverlässig finanziert.

Olaf Kröck, der das Festival seit 2019 vor allem im Krisenmodus führen muss, hat es immer flexibel gehalten. Er rückt einmal mehr sein Team nach vorne, gibt nicht den Festivaldominator, sondern hat die Ruhrfestspiele weiter strukturell geöffnet. Ziel ist es, auf Theatertrends zu reagieren. Das Programm setzt mehr denn je auf internationale Produktionen, die politisch Stellung beziehen, und auf neue Spielformen. Wann, wenn nicht jetzt, ist so ein Ansatz der richtige Weg?

Mitgehen wird ihn Sharon Dodua Otoo. Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin hält die Eröffnungsrede am 3. Mai. Die hochgelobte Schriftstellerin („Adas Raum“) und Aktivistin führt im Festivalbereich „Literatur“ das Projekt „Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival“. Hier werden unveröffentlichte Texte gelesen, von einer Jury bewertet und mit dem Publikum diskutiert. Otoo, 1972 in London geboren, lebt in Berlin.

Erstes Bühnenereignis wird „Sibyl“ von William Kentridge. Der Zeichner, Maler und Filmemacher aus Südafrika führt seine Künstlerthemen in einem zweiteiligen Abend (3.-6.5.) zusammen. Nachdem ein Film mit Livemusik präsentiert wird, spielt ein schwarzes Ensemble eine Kammeroper. Es geht um die Prophetin Sibylle von Cumae (6. Jahrhundert v. Chr.), die Schicksale von Menschen auf Eichenblätter schrieb.

Eine weitere Deutschlandpremiere ist „Bros“ des theatralen Grenzgängers Romeo Castellucci (Italien). In seinem Gesamtkunstwerk (4.-6.5.) tragen 25 Laiendarsteller Polizeiuniformen aus der Stummfilmzeit. Was machen Befehle mit ihnen, was bedeutet kollektive Verantwortung? Auch „Tao of Glass“ (3.-5.6.) ist hierzulande erstmals zu sehen. Und zu hören, denn Phelim McDermott, der einst mit den Tiger Lillies arbeitete, bebildert zehn neue Kompositionen von Philip Glass – eine Koproduktion mit dem Festival in Manchester, die schon für 2020 geplant war.

Schauspielstars wie Angela Winkler, Joachim Meyerhoff („Eurotrash“, 20.-22.5.) und Matthias Brandt („Mein Name sei Gantenbein“, 4./5.6.), der seit 20 Jahren wieder Theater spielt, kommen nach Recklinghausen. Es sind Produktionen von der Schaubühne und dem Berliner Ensemble, beide aus der Hauptstadt. Auch die „Dreigroschenoper“ (8.-12.6.), inszeniert von Barrie Kosky, entstand am Berliner Ensemble. Die Produktion ist ein Hit, und Chefdramaturg Jan Hein freut sich auf das Gastspiel.

„Tanz“ und „Neuer Zirkus“ sind herausstechende Programmbereiche mit 15 Produktionen. Ein 40-köpfiges Ensemble hat „Colossus“ neu einstudiert. Stephanie Lakes Choreografie (20.-22.5.) setzt auf die Wirkung vieler Körper und Publikumsnähe im Kleinen Festspielhaus. Recklinghausen will nachhaltig sein, deshalb tanzen Akteure aus der Region und nicht das Ensemble aus Australien. Zum Festivalprofil passt auch, dass die Programmhefte mit Papier aus den Vorjahren realisiert wurden.

Zum künstlerischen Profil passt die Weltpremiere „Julieta“ von Gabriela Muñoz aus Mexiko. Ihr clownesker Zirkus (26.-28.5.) ist ein Bilderkosmos über ihre Großmutter und das Älterwerden. Breakdance, HipHop, Freestyle, Clownerie und Fußball bietet die Show „FIQ! (Wach auf!)“ der Groupe Acrobatique de Tanger aus Marokko (9.-12.6.). Energiereich, bunt.

Zum Programm zählen die Interviews mit Denis Scheck, Lesungen, Kabarett, eine Ausstellung in der Kunsthalle, das Kinder- und Jugendtheater, das Volksfest am 1. Mai und das Format „Digitales Festspielhaus“. Hier ist ein Film von Filmemacherinnen aus Afghanistan abrufbar, die sich vor den Taliban verstecken müssen. Per Smartphone produziert, ist der Film „Das fünfte Rad“ von den Festspielen finanziell unterstützt worden, auch um existenziell zu helfen.

Musik machen unter anderem die ukrainische Band DakhaBrakha (22.-24.5.) und Imany („Don’t Be So Shy“), die mit einem Cello-Orchester auftritt (25.5.).

Den Rausschmeißer übernimmt in diesem Jahr der Cirque Inextremiste (Frankreich) mit einer Open Air Performance um einen Heißluftballon: „Exit“ – mit Akrobatik und Baustellencharme im Stadion Hohenhorst (11.6.).

Vorverkaufsstart: Donnerstag, 10.3.; Tel. 02361/92180; www.ruhrfestspiele.de

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