Ruhrfestspiele Recklinghausen mit „Macht und Mitgefühl“

Akrobatik und Körperbeherrschung sind beim neuen Programmpunkt der Ruhrfestspiele angesagt: Neuer Zirkus. Hier ein Bild aus der Produktion „Sacre“. Foto: kelly

Recklinghausen – Olaf Kröck ist einer der jungen Intendanten, die sich auch um das Atmosphärische eines Bühnenfestivals kümmern. „Man muss es in der Innenstadt spüren, dass Ruhrfestspiele sind“, sagte Kröck am Rande der Programmvorstellung im Festspielhaus. In Recklinghausen werden nicht nur Theatergänger bedient, „für alle“ seien die Ruhrfestspiele da, so Kröck. Das ist gleich am 1. Mai zu erleben, wenn das Kulturvolksfest traditionell die Saison im Stadtgarten eröffnet. Und bei dem „Inside Out Projekt“ des französischen Künstlers JR, der Menschen fotografiert und die großformatigen Porträts in der Stadt sichtbar macht. Oder bei der neuen Initiative „Fest Spiel Platz“ rund um den Kirchplatz in der City mit Kleinkunst wie „Walking Tours“, Wanderkino und Western-Storys.

Bis 13. Juni werden 90 Produktionen bei rund 220 Veranstaltungen in sechs Wochen präsentiert – 2019 waren es nur fünf. Insgesamt hat das Festival, das vom Deutschen Gewerkschaftsbund ausgerichtet wird, sechs Millionen Euro zur Verfügung.

Olaf Kröck geht mit dem Motto „Macht und Mitgefühl“ in seine zweite Spielzeit. Und wer im letzten Jahr die Programmatik „Poesie und Politik“ erlebt hat, weiß, dass dem Festivalintendanten die Wirkung der Bühne in die Gesellschaft hinein sehr wichtig ist. Kunst muss auf Vorgänge in der Welt reagieren, ist seine Prämisse. In unserer Zeit werde Mitgefühl zunehmend in Frage gestellt, so Kröck. „Gutmensch“ ist zur passenden Diffamierung geworden. Aber wenn die Macht an Mitgefühl verliert, dann wird sie zur Diktatur, erinnert Kröck an eine These der Politologin und Publizistin Hannah Arendt.

Also treten die Ruhrfestspiele an, Verschiebungen in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen und Partei zu ergreifen. Zum Beispiel für Ewelina Marciniak. Die Regisseurin inszenierte „Die Jakobsbücher“ am Teatr Powszechny in Warschau nach dem Roman der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Ihr Gastspiel ist eine Deutschlandpremiere. Marciniak erfährt hierzulande Solidarität, die ihr in Polen fehlt. Orthodoxe Katholiken und Neonazis hatten tagelang gegen eine Inszenierung von Marciniak in Warschau protestiert. Auch mit dem dokumentarischen Generationenporträt von drei Arbeiterinnen aus Niederschlesien (Polen) und dem Ruhrgebiet zeigen sich die Festspiele solidarisch. Die „werkgruppe 2“ kooperiert mit dem Schauspiel Essen und dem Teatr Polski, um Geschichten des Abstiegs spürbar zu machen. Die Schauspielerinnen sind aus dem Theater in Wroclaw (Breslau) rausgeflogen und machen nun privat weiter. Ein „Herzstück im Festivalprogramm“ nennt Olaf Kröck die Uraufführung von „Arbeiterinnen/ Pracujace kobiety“ im Festspielhaus.

Intendant Kröck unterstreicht, dass das Schauspiel Kern der Ruhrfestspiele ist. Es waren Schauspieler aus Hamburg, die 1946/47 Kohle in Recklinghausen gegen ihre Spielkunst tauschten. Das ist die Gründungsgeschichte.

Regisseurin Andrea Breth, die im Bochum der 80er Jahre am Schauspielhaus („Süden“) inszenierte, kehrt ins Ruhrgebiet zurück. „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza ist ambitioniertes Startheater mit August Diehl und Constanze Becker. Das es zu drei Aufführungen des Berliner Ensembles kommt, hängt damit zusammen, dass Diehl („Ein verborgenes Leben“ von Terrence Malick) Termine mit seinem US-Filmproduzenten abgestimmt hat. Weitere Produktionen mit Peter Brook („Why?“) zum Sinn des Theaterspiels und ein Ibsen-Projekt mit Lars Eidinger und John Bock („Peer Gynt“) zeigen, dass große Künstler hier experimentieren dürfen.

Und das Festival will überraschend bleiben. So bietet die Eröffnungsproduktion „Tao of Glass“ am 3. Mai viel Musik. Die Episoden zum Menschsein werden mit zehn neuen Kompositionen von Philip Glass aufgeführt. Mit Glass, einem der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten, arbeitet Phelim McDermott zusammen, ein Star des Musiktheaters in Großbritanien.

Die Sparten Tanz und Neuer Zirkus nehmen seit 2019 mehr Raum ein. Zu den vier Tanzproduktionen zählt De Keersmaekers Klassiker „Rain“ (von 2001) und die neue Arbeit von Dimitris Papaioannou. Der griechische Choreograf steht für bildgewaltigen Tanz. Premiere ist am 6. Mai in Athen. Für Neuen Zirkus steht „Sacre“. Der Circa Contemporary Circus (Australien) bietet eine Weltpremiere zu Strawinskys Klassiker mit einer ganz anderen Bewegungssprache.

Karten-Tel. 02361/92 180

www.ruhrfestspiele.de

Einige Höhepunkte

An 15 Spielstätten sind 760 Künstlerinnen und Künstler vom 1. Mai bis 13. Juni bei dern Ruhrfestspielen zu sehen:

3. – 6. Mai: „Tao of Glass“ von Philip Glass und Phelim McDermott. Eröffnungspremiere in Episoden, die das Menschsein skizzieren. Deutschlandpremiere im Festspielhaus.

6. – 7. Mai: Sterntagebücher nach dem Roman von Stanislaw Lem. Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz in der Halle König Ludwig 1/2 Recklinghausen.

12. – 14. Mai: „Sacre“ mit Musik von Strawinsky und Bachman. Das Circa Contemporary Circus aus Australien bewegt den Klassiker der modernen Musik mit neuer Bewegungssprache. Weltpremiere im Theater Marl.

15. – 18. Mai: Der zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist. Regie: Lisa Nielebock. Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover im Festspielhaus.

17. Mai: Caroline Peters liest aus „So ist es gewesen“ von Natalia Ginzburg im Festspielhaus.

20. – 21. Mai: The Sacrifice (Das Opfer) nach „Le Sacre du Printemps“. Eine Choreografie von Dada Masilo (Südafrika), die als Tanzsensation gilt und immer wieder klassische Stücke unkonventionell umsetzt. Im Festspielhaus, kleines Haus.

23. Mai: Paul Maar liest (mit seiner Band) aus „Der kleine Troll Tojok“ im Festspielzelt in Recklinghausen.

27. – 28. Mai: Böhm von Paulus Hochgatterer. Nikolaus Habjan spielt den Dirigenten Karl Böhm, der ein großartiger Künstler war, aber auch die Nationalsozialisten für seine Karriere nutzte. Im Theater Marl.

Literaturkritiker Denis Scheck im Gespräch mit Sasa Stanisic (9. Mai), Judith Schalansky (18. Mai) und Christoph Ransmayr (1. Juni) im Festspielhaus.

In der Kunsthalle Recklinghausen stellt Mariechen Danz vom 2. Mai bis 14. Juli aus. Sie liebt auch die Bühne, zeigt Kostüme, öffnet die Fenster der Kunsthalle und befasst sich mit Kommunikation und Wissenstransport.

Das Ruhr Ding von Urbane Künste Ruhr ist ein Projekt vom 9. Mai bis 28. Juni in Recklinghausen, Herne, Marl und Haltern am See. Es gibt Skulpturen, Installationen und Kunst mit Drohnen.

Figurentheater in Kooperation mit der Fidena Bochum: Die Märchen-Adpation „La Valse des Hommelettes (nach Grimms „Wichelmänner“) ist nichts für Kinder. Im Festivalzelt. 21. –22. Mai.

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