Unglückliche Liebe auf der Bühne

Ruhrfestspiele beginnen digital mit dem Stück „Die Seidentrommel“

Szene aus dem Stück „Die Seidentrommel“ mit Kaori Ito und Yoshi Oida (hinten).
+
Szene aus dem Stück „Die Seidentrommel“ mit Kaori Ito und Yoshi Oida (hinten).

Das Theater erzählt vom Leben. Es führt uns zu Einsichten in Gefühle, die man mit bloßen Worten nicht ausdrücken könnte. Es ist existenziell. Seit 75 Jahren bringen die Ruhrfestspiele die große Kunst nach Recklinghausen. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Im Pandemie-Jahr aber ist alles anders. Immerhin gibt es das Festival, wenn auch nur in digitaler Form als Live-Stream. Der Festakt wird zur Abfolge von Ansprachen vor einem leeren Saal, vor der Kamera.

Recklinghausen - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier steht nicht auf der Bühne im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel. Er schickt ein Video aus seinem Amtssitz. Aber er findet die richtigen Worte, weist auf die prekäre Lage der Kultur in, die unter den Bedingungen von Corona besonders leidet. Steinmeier hat sich informiert, geht sogar auf das sehr spezielle Problem ein, das freischaffende Künstler mit der Künstlersozialkasse haben. Nur weil sie, um zu überleben, auch nichtkünstlerische Jobs annehmen, fallen sie aus bürokratischen Gründen aus dieser Alters- und Krankenabsicherung. Ein Unding. Aber der Präsident hat auch den Blick auf das große Ganze: „Kultur ist nicht ,nice to have‘“, betont er. „Kultur ist Lebensmittel, Kunst ist unverzichtbar. Und mehr noch: Kunst ist Arbeit.“

Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet schickte ein Grußwort, in dem er auf die Hilfen der Landesregierung für die Kultur hinwies. Und er unterstrich die Bedeutung der Ruhrfestspiele für das Land.

Enis Maci hielt eine Festrede. Die 1993 in Gelsenkirchen geborene Schriftstellerin, der im letzten Jahr der Literaturpreis Ruhr zugesprochen wurde, schlug einen großen Bogen von der Lethargie durch das Virus über die Situation im Ruhrgebiet bis zum Anschlag von Hanau. Auch das Gedenken an dessen Opfer fiel wegen der Pandemie aus. Der Text beeindruckte durch seine Mischung aus Subjektivität, aus Emotionen und klarer Haltung.

Das Theater erzählt vom Leben. Intendant Olaf Kröck gab eine kleine Einführung in die Eröffnungsproduktion, „Die Seidentrommel“, ein modernes No-Spiel, eine Koproduktion mit dem Festival von Avignon und dem Pariser Théâtre de la Ville. Im Zentrum steht eine traditionelle Erzählung über einen alten Mann, der sich in eine Tänzerin verliebt. Sie macht ihm Hoffnung, schenkt ihm eine Trommel und sagt, wenn er das Instrument zum Klingen bringe, gehe sie mit ihm. Aber sie spielt falsch: Die Trommel ist mit Seide bespannt und bleibt stumm. Der Getäuschte begeht Selbstmord und sucht aus dem Jenseits die Tänzerin heim.

In Recklinghausen gastiert mit dem 87-jährigen Yoshi Oida einer der Altmeister der traditionelle Bühnenkunst, zugleich ein Grenzgänger der Kulturen. Oida hat mit dem Regisseur Peter Brook gearbeitet und lebt seit Jahrzehnten in Paris. In der Adaption, die er mit Tänzerin Kaori Ito und dem Perkussionisten Makoto Yabuki schuf, ist der alte Mann eine Putzkraft im Theater. Er wischt während einer Probe die Bühne und sagt ein Gedicht vor sich hin: „Leiden, Geburt, das Leben.“ Grandios verkörpert Ito die kapriziöse Künstlerin, die in ihren eleganten Bewegungen dem Musiker Korrekturen zuruft. Und obwohl der Text japanisch gesprochen wird, ohne Untertitel bleibt, sieht man genau, wie sie die Lust verliert, gelangweilt auf ihren Stuhl sinkt, das Radio einschaltet. Es erklingt ein Popsong, der sie wieder packt. Ein neuer Tanz beginnt, und als sie den alten Mann entdeckt, der ihr still applaudiert, da beginnt sie, ihn anzuflirten, ihn zu Schritten aufzufordern. Dieser Pas de deux berührt durch seinen Kontrast: Hier die elegante, geschmeidige Artistin, da der unbeholfene, gebrechliche Greis, der sich verführen lässt und sich immer mehr hingibt, bis sein steifer Rücken ihn zu Boden streckt. Und nun verlässt das Spiel die moderne Theatersphäre und gleitet in den Traum über, wo alte Mythen erwachen. Ito wirft einen Kimono über, dessen Stoffbahnen wie Schmetterlingsflügel elegant schwingen. Und Oida kehrt blutbeschmiert zurück, als Dämon. Ein neuer Pas de deux fällt wilder aus. Und am Ende klingt sogar die Seidentrommel. Und wenn die tragische Vision verblasst, fallen die Akteuer in ihre alten Rollen zurück. Dem alten Mann ist kein glückliches Ende mit der Schönen vergönnt. Aber er erlebt einen wunderbar lebensfrohen Augenblick zu einem Radioschlager, den er mit seinem Schrubber betanzt.

Das balanciert so großartig die melancholische Vergeblichkeit aus mit einer Bejahung von Kunst und Existenz, dass man es am liebsten leibhaftig im Festspielhaus erlebt hätte. Dieses gut einstündige Kammerspiel mit seinen starken Hell-Dunkel-Kontrasten, mit seiner suggestiven traditionellen Live-Musik braucht die Resonanz eines Publikums. Es gibt sehr wenig Text, fast alles geschieht in Gesten und in dem Minenspiel der Akteure. Selbst auf dem Computerbildschirm beeindruckt die Aufführung. Aber es ist auch klar, dass man als Betrachter nur einen Abglanz der großen Kunst erlebt.

Das Festival mit dem Motto „Utopie und Unruhe“ findet vorerst nur digital statt. Wenn die Corona-Lage es erlaubt, soll es ab dem 21. Mai wieder Aufführungen mit Publikum geben, unter anderem mit Zirkus und Konzerten mit Chilly Gonzalez und Helge Schneider.

Tel. 02361/ 92 180

www.ruhrfestspiele.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare