1. wa.de
  2. Kultur

Sylvester Stallone zeigt seine Gemälde

Erstellt:

Von: Achim Lettmann

Kommentare

Mit seinem Gemälde „Jo Poe“ (1966) zeigt sich Sylvester Stallone im Osthaus Museum in Hagen. Der Hollywoodstar präsentiert 53 Bilder in seiner ersten Ausstellung in Deutschland.
Mit seinem Gemälde „Jo Poe“ (1966) zeigt sich Sylvester Stallone im Osthaus Museum in Hagen. © Robert Szkudlarek

„Rocky“ kann auch malen. Sylvester Stallone stellt 53 Bilder im Hagener Museum Osthaus aus. Der Hollywoodstar überrascht als Künstler.

Hagen – „Rocky“ ist im Museum. Er heißt hier nicht Balboa und ergreift „Die Chance seines Lebens“, wie im Kino, sondern schaut kraftlos mit leidvoller Miene aus einem Bilderrahmen. „Finding Rocky“ ist das Gemälde getitelt, das Sylvester Stallone 1975 gemalt hatte, bevor er das Drehbuch zu dem Film schrieb, der ihn bekannt machte: „Rocky“. Das war 1976. Aber bereits in den 1960er Jahren hat sich Stallone als Künstler gefühlt und Bilder geschaffen. Vor allem ist er als Actiondarsteller bekannt. Allein sechs „Rocky“-Filme hat Stallone gedrehte. „Rambo“ folgte 1982. Aber vor allem die Geschichte eines Italoamerikaners, der Boxchampion wurde, schrieb Filmgeschichte.

Und Stallone malte weiter. Nun zeigt das Osthaus-Museum Hagen eine Retrospektive anlässlich des 75. Geburtstags des Drehbuchautors, Produzenten, Schauspielers und Kunstsammlers. Mit 53 Bildern ist „Sylvester Stallone. Best of Life“ die größe Stallone-Ausstellung überhaupt. 2013 stellte er in St. Petersburg aus, 2015 in Nizza. Zum ersten Mal ist der Hollywoodstar in Deutschland mit seinen Bildern zu sehen. Eine Überraschung.

Für Sylvester Stallone ist die Malerei „das Privateste, was es gibt“. In Hagen erklärte er, dass es am Filmset oft 250 Leute gibt, die zum Gelingen beitragen. Vor der Leinwand sei man allein. „Sie können sich nur auf sich selbst verlassen“, sagte Stallone im Osthaus-Museum. Es ist für ihn die unmittelbarste Kommunikation, Gefühle zu vermitteln. „Ich neige dazu, meine wahre Natur in meinen Bildern zu zeigen, und die ist actiongeladen – echt wahr. So bin ich“, sagte Stallone. Das verwundert nicht, aber die Bilder sind mit den Kino-Helden, die Stallone verkörpert hat, nicht deckungsgleich. Wie in „Finding Rocky“ wirkt die Bildfindung abmessend – ein Selbstporträt. „Die Linien hat er mit dem Schraubenzieher in die nasse Leinwand gezogen“, sagte sein Galerist, „so zeigt er das Leiden.“ Mathias Rastorfer von der Galerie Gmurzynska (Zürich) will den Künstler groß rausbringen. „Gestisch, malerisch, sehr persönlich“, sagte Rastorfer, das sei Stallones Malerei, „das ist das Wichtigste“.

Bisher noch nie zu sehen waren einige Gemälde aus den frühen Jahren. Stallone ließ sich vom Surrealismus inspirieren. In „Jo Poe“ (1966) tauchen Wesen aus der Geisterwelt auf. Rote pastose Farbe rinnt wie Lava in den schwarzen Bildraum. Ein Mann mit Schnurrbart und Locken verharrt im Zentrum angesichts der merkwürdigen Symbolik um ihn herum.

Angst ist immer wieder ein Thema in Stallones Werk. Das Bild „Inferno“ (1966) zeigt einen Mann mit Koffer, der eine Straße vor sich hat, die auf menschenleere Wolkenkratzer zu läuft. Am Rande züngelt ein Feuer. Der Reisende ist in Gefahr. Es sind irritierende Metaphern, die das Bild surreal aufladen.

Stallone orientiert sich später an Expressionismus und magischem Realismus, Kunststile, die der europäischen Moderne zuzurechnen sind. „Alter Ego“ (1988) ist so ein großformatiger Rausch ineinandergreifender Farben. Darüber erhebt sich in weißen Linien ein Porträt, das sich als Skizze absetzt und in seiner Schlichtheit ein wenig melancholisch wirkt. Auch das eigene Leben ist immer wieder eine Bezugsgröße. In dem plakativen Bild „Life“ (2014) strahlt der Schriftzug in Gelb. Rot teilt die Bildelemente und dramatisiert mit seinem Farbwert. Blau grundiert sind zwei Boxer und ein Porträtbild, die Stallone mit der Sprühdose schafft und ganz in Schwarz zeigt. Es sind Filmreminiszenzen.

In Hagen sind keine Bildserien zu sehen, wie im Film mit „Rambo“ oder „The Expandables“ (seit 2010). Kino sei sein Geschäft, sagte Sylvester Stallone im Osthaus Museum. Wenn er malt, sei er in einer anderen Welt.

Seine Arbeiten aus den letzten Jahren greifen mehr amerikanische Traditionen in der Kunst auf. „Tony is a Phony“ zeigt eine sprühende Persönlichkeit, die man nicht ganz ernst nehmen sollte. Ein Kopf in Grau und Schwarz wird von grellen Farben konterkariert, der Mund formt einen leeren Schrei. Stallones Bilder können wuchtig sein. Und er führt dabei die Techniken des Action-Paintings vor, wie in „Danse Macabre #1“ (2018). Auf der rohen beigefarbenen Leinwand sind Spritzer aus Rosa und Weiß gesetzt. Schwarz dominiert an beiden Seiten die eingefangenen Impulse.

Die Galerie Gmurzynska will Stallone als Künstler etablieren. Dabei geht es nicht um „Fan-Art“. Unter dem Label ließen sich die Werke leicht verkaufen, sagte Mathias Rastorfer. Aber Gmurzynska will, dass Stallones Kunst wertgeschätzt wird. Erfolg hat die Galerie mit Karl Lagerfeld (1933–2019), der sich erst spät als Künstler verstand. „Heute will ihn das Museum für Moderne Kunst in New York ausstellen“, sagte Rastorfer.

Derzeit werden Bilder von Stallone noch platziert. Das heißt, in Hagen wird nichts verkauft. Aber der Ausstellungsort adelt das Oeuvre. Immerhin ist das Haus in Hagen das erste Museum für zeitgenössische Kunst. Das Museum Folkwang wurde 1902 von Henry van de Velde gebaut und von Mäzen Karl-Ernst Osthaus geführt. Osthaus setzte seine moderne Avantgarde am Markt durch. Vielleicht färbt das auf Stallones Gemälde voller moderner Stilanleihen ab?

Im Altbau des Hauses sind die Stallone-Bilder gehängt, wo eigentlich die Expressionisten zu finden sind. Museumsdirektor Tayfun Belgin hatte bereits 2013 die Idee, den Actiondarsteller als Maler auszustellen. Den Chefkurator des russischen Museums St. Petersburg, Joseph Kiblitsky, kennt er seit 1995. Nun hat Kiblitsky die Schau in Hagen kuratiert. Und Belgin lenkt mit der Ausstellung „Sylvester Stallone“ die bundesweite Aufmerksamkeit auf eine NRW-Stadt, die eine Kunsttradition bietet, wie sie eigentlich in Berlin, Hamburg oder München erwartet wird. „Es ist ein Höhepunkt für Hagen und für mich“, sagte Belgin.

Stallones Abstraktionen behaupten sich im musealen Umfeld. Seine Porträts, Bilder zu Siegern und Verlierern zählen dazu, und ein Michael Jackson ist auch zu erkennen.

Bis 20.2. 2022; di-so 12 – 18 Uhr; Tel. 02331/207 3138; Katalog in Vorbereitung; www.osthausmuseum.de

Auch interessant

Kommentare