Das Ritual „Changing of the Guard“ in Bochum

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Ein Ritual zum Abschied von der Arbeit: „Changing of the Guard“ am Schauspielhaus Bochum.

BOCHUM - So stellt man sich die Aufnahmezeremonie einer Sekte vor. Menschen treten an das Mikrofon und stellen sich vor. „Ich bin Thomas Becker. Ich bin Diakon“, sagt homas Becker. Andere heißen Giese, Koch, Müllers und sind Verwaltungsbeamte, Psychologe, Studentin. Und jedes Mal antwortet der Chor vor dem Schauspielhaus Bochum: „Du warst Lagerist.“ Den Namen zieht das Kollektiv auch gleich ein.

Eine Lossprechung nennen das die Macher von „Changing of the Guard“. Die Ruhrgebietsbühne steht vor einem Umbruch: Der Übergangsintendant Olaf Kröck übernimmt die Leitung der Ruhrestspiele. Der neue Intendant Johan Simons stellt in dieser Woche sein neues Programm vor und ein neues Ensemble. Von denen, die bisher hier Theater machten, werden wohl die wenigsten übernommen. Da denkt man über die eigene Zukunft nach. „Ich bin Tim-Fabian Hoffmann“, stellt sich ein Schauspieler vor, „haben Sie Arbeit für mich? Ich spiele, was Sie wollen.“

Aber das Projekt im öffentlichen Raum, das am Samstag Premiere hatte, zielt auf mehr als die Befindlichkeit eines Ensembles im Abschied. Der New Yorker Avantgarde-Komponist Ari Benjamin Meyers und die Dramaturgin Sabine Reich widmen sich dem Ende der Arbeit überhaupt. Wie geht man damit um, dass das Leben in absehbarer Zukunft von anderen Dingen bestimmt wird als der Anstellung? Als Antwort inszenieren Meyers und Reich ein Ritual, das weit in den Stadtraum ausgreift. An sechs markanten Stellen treffen sich Musiker, Laiendarsteller und Zuschauer und formen Prozessionen, die zum Vorplatz des Schauspielhauses führen. Ein Startpunkt ist die Agentur für Arbeit von wo ein Trommler und ein elegische Motive blasender Saxofonist die Schar anführen.

Auf dem Platz gibt es einen großen Ring, auf dem die eintreffenden Gruppen im Kreis laufen (Bühne: Cordula Körber). Sieben Schauspieler des Ensembles stehen auf zwei Podesten und sagen eine Textpartitur auf, anfangs umkreisen sie Wortfelder wie „Arbeit“, „Zeit“, „los“. Manchmal verdichtet sich der Vortrag, dann bildet ein „ora et labora“ eine Art Generalbass, über dem Gedanken zu Entfremdung und Strukturwandel gesprochen werden. Je länger das geht, desto klarer entfaltet sich die Struktur des Rituals. Dabei bedienen sich Meyers und Reich bei den Mustern von Gottesdienst und Messe. Sogar das christliche Glaubensbekenntnis wird auf Arbeit umgedichtet, inclusive der Segnungen des Tarifvertrags.

Der Schauspieler Daniel Stock in einem auffällig grünen Anzug gibt zuweilen den Vorsprecher, den Priester. Und die rhythmisch pointierte, auf Elemente des Minimalismus zurückgreifende Musik von Meyers unterlegt den verschiedenen Abschnitten der Inszenierung mal einen treibenden Rockgroove, der vielleicht Arbeitsstress abbildet, mal eher hymnisches Pathos. Meyers hat bereits 2014 eine Komposition für das „Detroit Project“ geschaffen, bei dem Bochum das Opel-Werk verabschiedete.

Auch der Wachwechsel, das „Changing of the Guard“, fesselt trotz manchen Längen das Publikum. Am Ende wird der runde Laufsteg umgebaut zur Tafel, an der Laiendarsteller und Publikum gemeinsa Platz nehmen und ins Gespräch kommen. Bei Brot und Wein kommt dann doch noch etwas Leichtigkeit in das zuvor ziemlich pathetische Ritual.

Eintritt frei: 16., 29.6., 14.7.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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