„Rigoletto“ überzeugt in Essen musikalisch

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Ein Unterhaltungskünstler: Luca Grassi als Rigoletto in Verdis Oper am Essener Aalto-Theater.

Essen - So muss sich Klein-Gilda zu Hause auf dem Sofa die böse Welt ausmalen: Zwielicht, brutale Männer, willige Frauen, ein unübersichtliches Treiben diesseits und jenseits der Spiegelwände. Dass ausgerechnet ihr Vater Rigoletto die Bösartigkeiten am Herzogshof von Mantua befeuert, kann die junge Frau nicht ahnen.

Zwei Welten zeigt Frank Hilbrich in seiner „Rigoletto“-Inszenierung am Essener Aalto-Theater. Hier das behütete Zuhause von Gilda mit Haushälterin, beigem Zweisitzer, Esstisch und Kuscheltier auf dem Bett. Dort die diffusen, konturlosen Gemächer des Herzogs, der sich mit Gemeinheiten und Demütigungen überbietet. Die Hofdamen verkommen im Laufe der drei Akte zu abgetakelten Schlampen, die Mascara verheult, der knallrote Lippenstift quer durchs Gesicht geschmiert. Rigoletto und der Mörder Sparafucile zeigen sich als Horrorclowns. Irgendwie böse und verrucht das alles, aber die Ausstattung des Schauerstücks (Bühne: Volker Thiele, Kostüme: Gabriele Rupprecht) mündet in der grob gestanzten Optik einer TV-Vorabend-Soap.

Ähnlich routiniert und hinter der lauten Optik eher unauffällig führt Hilbrich die Personen. Der portugiesische Tenor Carlos Cardoso liefert als Herzog von Mantua eine gediegene Partie. Das hohe C in der Kanzone „La donna è mobile“ muss er forcieren, aber dafür überzeugen natürlicher Schmelz und müheloser Gefühlskraft im Duett mit Gilda im zweiten Akt.

In der Titelpartie gibt Luca Grassi einen unglücklichen Hofnarren, den statt eines Buckels von Anfang an das Unbehagen an seinem zynischen Unterhaltungshandwerk drückt. Er würde wohl viel lieber Kinder mit lustigen Luftballon-Figuren bespaßen – wenigstens wachsen immer mehr dieser Gummiwürmer auf seinem Narrenmantel. Grassi gestaltet trotz seiner grellen Kostümierung eine psychologisch wohldosierte Studie mit geschmeidiger Höhe und schließlich der kalten Entschlossenheit, den Herzog für die „Entehrung“ Gildas zur Rechenschaft zu ziehen.

Überboten werden diese guten Leistungen von Christina Pasarolu als Gilda. Sie kann mit ihrem lyrischen Sopran eine ganze Palette von Gefühlen und Posen ausfüllen. Gegenüber ihrem Vater verniedlicht sie ihre Stimme, klingelt glockenzart und ganz nach Kindchenschema: So hört sich ein braves Mädchen an, das nur für den Kirchgang das Haus verlässt, züchtig die Augen gesenkt hält und auf keine schlechten Gedanken kommt. Als sie kurz darauf diesem jungen Mann gegenübersteht, mit dem sie in der Kirche schon seit Wochen Blicke wechselt, wird ihr Sopran erwachsen. Im Quartett des dritten Aktes wird sie schließlich mit bebender Widerständigkeit die Rachegelüste ihres Vaters durchkreuzen.

Die Essener Philharmoniker werden von Matteo Beltrami dirigiert, und der sorgt dafür, dass die Figuren musikalisch feiner gezeichnet werden als von der Regie. Der Orchesterklang ist schlank und hoch beweglich, Beltramis Tempo-Verzögerungen und Beschleunigungen setzen die sinistre Geschichte unter Spannung und können die oft widerstreitenden Motivlagen der Figuren plausibel machen: Ein authentischer Moment zwischen Gilda und dem Herzog im zweiten Akt, wenn die Instrumente verstummen und die beiden Stimmen dann wieder behutsam auffangen. Aber auch das abgründige Rumoren und Knarren, wenn Verdi mit fahlen Zwietönen schauerliche Szenen bei Hofe schildert.

25., 27.1., 4., 9., 19.2., 16., 25., 30.3., 20., 26., 28.5.;

Tel. 0201/8122200

www.aalto-theater.de

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