Tim Rieniets und Christine Kämmerer stellen Bauten im Ruhrgebiet vor

Freitreppe und Betonarchitektur: Die Heinrich-Thöne-Volkshochschule in Mülheim. Foto: Bussenius & Reinicke

Den Mülheimern ist ihre Volkshochschule lieb und teuer. Der Terrassenbau hat zwar schon bessere Tage gesehen, doch er schmiegt sich inmitten einer Parkanlage elegant an einen Hang. Per Bürgerentscheid zwangen die Mülheimer ihre Stadtverwaltung kürzlich, den Komplex nicht abzureißen, sondern zu renovieren.

Die Heinrich-Thöne-Volkshochschule entstand von 1975 bis 1979, zu einer Zeit, „als die Zukunft gebaut wurde“. Sie gehört zu 54 beispielhaften Bauten der Nachkriegszeit, die unter diesem Motto in einem Architekturführer vorgestellt werden. Das Buch der Architekturhistorikerin Christine Kämmerer und des Architekten Tim Rieniets ist ein Produkt der Initiative „Big Beautiful Buildings“ (große schöne Gebäude), mit dem der Verein Stadtbaukultur NRW und die Technische Universität Dortmund die Bauwerke des Wirtschaftswunders im Ruhrgebiet sichtbar machen wollen.

Es waren nicht nur Fördertürme und Schornsteine, die in den Nachkriegsjahren an Rhein und Ruhr in die Höhe schossen. In den Städten entstand eine völlig neue Infrastruktur mit Wohnanlagen, Verwaltungsgebäuden und Freizeitbauten. Der Aufschwung spülte genügend Geld in die öffentlichen Kassen, um große Lösungen zu verwirklichen. Die Bochumer Ruhr-Universität ist das Paradebeispiel für die Planung „aus einem Guss“, die das Revier nach vorne bringen sollte. Später vielfach als Betonburg geschmäht, hat der Campus sich über die Jahrzehnte bewährt, Bochum gehört heute zu den etablierten Adressen der deutschen Bildungslandschaft.

Der Band zeigt Bauten, die ikonischen Status haben, etwa die Schulen Hans Scharouns in Lünen (1956-62) und Marl (1964-70) – berühmt wurde er mit der zeitgleich entstandenen Berliner Philharmonie. Auch das Marler Rathaus (1960-67), das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (1954-59) und die Essener Grugahalle (1956-58) gelten als architektonische Meisterwerke. Doch Kämmerer und Rieniets zeigen auch Werke, die nie im Fokus der Öffentlichkeit standen: Einkaufszentren wie den „Marler Stern“ (1971-74) mit seinem Luftkissendach, das elegante Finanzamt Bochum-Süd (1954-57) und die Westdeutsche Landesbank (1975-78), die wie ein Ufo zwischen dem Dortmunder Hauptbahnhof und der Petrikirche gelandet ist. Bei Letzterem zeigt sich die sich wandelnde Wertschätzung für die Architekturepoche: 2014 wurde aus dem Bank- ein Ärztehaus, die Fassade mit ihrem verspiegelten Fenstern dabei vorbildlich saniert.

Die Autoren gliedern ihren Architekturführer nach Gebäudearten und zeigen so, was in der Nachkriegszeit zählte: Neue Hochschulen zeugen von der Bildungsoffensive jener Zeit, zahlreiche Kirchen sind Zeichen für einen Aufbruch im Gemeindeleben. Doch größtes Thema der Nachkriegszeit war das Wohnen: Mit neuen Großwohnanlagen sollte die Wohnungsnot früherer Zeiten endgültig überwunden werden. Die Terrassenbauten des „Marler Wohnhügels“ (1965-82) und der Bochumer „Girondelle“ (1965-69) sind auch heute noch begehrt, die ebenfalls gestaffelte Wohnmaschine „Hannibal I“ (1971-74) in Dortmund galt dagegen schon früh als unübersichtlich und mängelbehaftet. Beim Dorstener Wohnkomplex „Habiflex“ (1971-73), der den Bewohnern versetzbare Wände und flexible Grundrisse versprach, waren die Mängel so groß, dass er heute als unbewohnbar gilt.

Nicht mehr nutzbar war nach Einschätzung der Mülheimer Verwaltung auch die dortige Volkshochschule. Brandschutzmängel und Millionenkosten für eine Sanierung führten 2017 zur Schließung. Doch die Bürger schätzten die Qualitäten dieses „Big Beautiful Building“, der im Inneren klar strukturiert ist und zahlreiche Begegnungszonen für Teilnehmer verschiedener Kurse bietet. Das Gebäude soll jetzt saniert werden.

StadtBauKultur NRW / Tim Rieniets / Christine Kämmerer: Architektur der 1950er bis 1970er Jahr im Ruhrgebiet. Als die Zukunft gebaut wurde. Kettler-Verlag, Dortmund. 236 S., 25 Euro

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