Éric Vuillards Buch „Die Tagesordnung“

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Der Autor Éric Vuillard

Der französische Autor Éric Vuillard blickt in seinem Buch „Die Tagesordnung“ auf Entscheidungen in der Geschichte, wie ein Nachgeborener, der bitter geworden ist angesichts gigantischer Verbrechen und unendlichen Leids. Wie war es möglich, dass europäische Mächte wie Frankreich und England den Nazis nicht entgegentraten, als diese ihre Okkupationspolitik starteten? Die monströsen Verbrechen der Nationalsozialisten nahmen ihren Lauf ab 1933. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieg gab es Hinweise genug, sich gegen diese Katastrophe zu stemmen, belegt Éric Vuillard. Das Motiv des Autors, an diese Vorkriegszeit und vor allem den „Anschluss“ Österreichs zu erinnern, resultiert aus seinem Gefühl, dass solche Fehleinschätzungen wieder passieren können. „Man stürzt nicht zweimal in den selben Abgrund. Aber man stützt immer auf dieselbe Weise, in einer Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen“ heißt es in einer Art Epilog des Buches. Es gibt ein schreckliches Versäumnis.

Und so hebt Vuillard an, die Geschichte auf eine Weise zu beschreiben, die von seinem Sarkasmus und seiner Erkenntnis lebt. Der Autor, der in Lyon geboren ist, argumentiert nicht mit Wahlergebnissen und sozialen Fragen, sondern spürt den Gesprächen in Hinterzimmern nach, wo Geldgeber Politik ermöglichten, die im Sinne ihrer Firmen lanciert wurde. Am 20. Februar 1933 kommen „24 Rechenmaschinen an den Toren der Hölle“ zusammen. Es sind die Vertreter von Krupp, Siemens, Opel und Co., die ihre Schatullen im Reichstagspräsidentenpalais in Berlin öffnen, um die Nationalsozialisten zu unterstützen. Der neue Reichskanzler Hitler ist bereits klamm. Die „vierundzwanzig Echsen“ glauben an ihren Vorteil. Korruption gehört nun mal zu ihrem Geschäft.

Kühl und abschätzig beschreibt Vuillard diese Zusammenkunft, die auch im Nachhinein eine beklemmende Faszination entwickelt. Die Mächtigen der Wirtschaft sorgen für eine Durchschlagskraft, die Hitler politisch gar nicht errungen hatte. Später komplettiert Vuillard den Grusel, als er Gustav und Alfried Krupp anführt, wie sie mit Forderungen auf Wiedergutmachung umgehen, die ihnen jüdische Anwälte aus New York offerieren. Die Schuld der Wirtschaftslenker wirkt wie ein Spuk im Raum, der sich aber aushalten lässt. Alfried wird die spärlichen Zahlungen alsbald aussetzen: „Die Juden hätten ihn schon zuviel Geld gekostet.“ So gehen viele Deportierte, die Zwangsarbeit bei Krupp leisteten, leer aus.

Vuillard korrigiert auch schiefe Begriffe aus der Vergangenheit. Was soll „Appeasement-Politik“, wenn sich belegen lässt, dass Viscount Halifax, Lord President of the Council, Görings Rassismus und Nationalismus anerkannte und sogar dessen Hass gegen Kommunisten teilte? Warum besänftigen, wenn man sich versteht? Der Brite Halifax besuchte den Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe im November 1937 ganz privat.

Niemand konnte die brutalen Absichten der Nazis verkennen. Der Reichstag brannte am 27. 2. 1933, das KZ Dachau existierte, die Nürnberger Rasse-Gesetze und Goebbels eröffnete die Ausstellung „Der ewige Jude“ 1937, argumentiert Vuillard. Im Sog solcher Verbrechen gegen Demokratie und Menschlichkeit verwundert es nicht, dass Hitler am 12. 2. 1938 den österreichischen Kanzler Kurt Schuschnigg instrumentalisierte und die Machtübernahme in Wien vorbereitete. Dass die deutschen Panzer vor Linz liegen blieben, während Hitler den „Anschluss“ triumphal feiern wollte, streut Vuillard süffisant ein, um zu belegen, wie banal die Androhung eines Einmarsches und wie anfällig die neue Panzerwaffe Guderians noch war. Aber: „Die europäischen Demokraten beantworteten die Invasion mit faszinierter Resignation.“

Vuillard führt den eitlen NS-Außenminister Ribbentrop vor, der als Champagner-Verkäufer gestartet war, bevor ihn Hitler in die Politik holte. Arthur Seyß-Inquart, Nazi-Günstling und „Anschluss“-Kanzler in Österreich, wird 1946 in Nürnberg zum Tode verurteilt. Ihn hatte das Volk nie gewählt. Er kommt nach Ribbentrop dran und soll dem Henker noch gesagt haben, „ich glaube an Deutschland“.

Das Buch „Die Tagesordnung“ deckt immer noch unglaubliche Schurkereien auf. Und es erstaunt, mit welcher Ignoranz und mit welchem Bluff die Nazis ihre Verbrechen realisieren konnten – mitten in Europa.

Éric Vuillard hat für sein schmales Buch den Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, erhalten. Die Anerkennung gilt auch einem Autor, der Geschichte von einem humanen Standpunkt aus begreift und scharfsinnig erzählt. Er will uns warnen.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz Verlag, Berlin. 118 S., 18 Euro

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