„Rettet die Liebe!“: Das Museum Folkwang zeigt Plakate zum Thema Aids

Skandalös: Das Werbemotiv, das Oliviero Toscani 1992 für Mode schuf, ist in der Plakatshow zum Thema Aids in Essen zu sehen. United Colors of Benetton (Der Tod des David Kirby). Foto: © Oliviero Toscani / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Essen – Größter Schmerz spricht aus diesem Bild. Ein ausgemergelter, bärtiger junger Mann liegt im Bett, ein älterer hält ihn in seinen Armen und bricht gerade in Tränen aus. Rechts umarmt eine Frau ein Mädchen. Dieses Bild handelt vom Tod. Der schwule Aktivist David Kirby hatte sich von Therese Frare auf dem Sterbebett fotografieren lassen. Schon das Foto schockierte die USA, als das Life-Magazin es im November 1990 druckte. Aids bekam ein Gesicht mit diesem Bild, das in seiner Expressivität an barocke Altarbilder erinnert.

Einen Skandal löste die Aufnahme aus, als der Fotograf und Grafiker Oliviero Toscani sie 1992 für eine Werbekampagne des italienischen Modekonzerns Benetton verwendete. Der Spiegel schrieb von hoffnungslos verkümmerter Moral, die es brauche, um mit einer solchen Leidensszene für Pullover zu werben. Aber die fragwürdige Kampagne steigerte die weltweite Aufmerksamkeit für die Krankheit. Kirbys Vater sagte später, nicht Benetton habe die Familie benutzt. „Wir haben sie benutzt.“

Im Essener Museum Folkwang hängt eine wandfüllende Version des Werbemotivs, für das die Schwarz-Weiß-Aufnahme nachträglich koloriert worden war. In der Ausstellung „Rettet die Liebe!“ präsentiert das Museum 180 Plakate zum Thema Aids. Die Schau begleitet die Retrospektive zu Keith Haring, die parallel läuft. Haring, der schwule US-Künstler, der 1990 an Aids starb, ist auch hier vertreten mit seinem Plakat „Ignorance = Fear“.

Es passt, dass das dem Museum Folkwang angeschlossene Deutsche Plakat Museum 2018 eine Sammlung zum Thema erwarb. Aus einem Bestand von 2000 Plakaten wurde ein Querschnitt ausgewählt, der Beispiele aus allen fünf Kontinenten vorstellt. Angesichts der Corona-Pandemie vergisst man schnell, dass immer noch Millionen Menschen das HI-Virus in sich tragen, dass zum Beispiel 2018 immer noch 770 000 an der Krankheit starben. Noch immer gibt es keine Impfung, allerdings können HIV-Positive in Ländern mit guter medizinischer Infrastruktur mit dem Virus relativ beschwerdefrei leben. Fortgeschrittene Therapien machen das möglich.

Die Ausstellung zeigt prägnant, wie unterschiedlich global mit dem Thema umgegangen wird. Das Plakat mit einer stilisierten Frau aus Tunesien (1997) druckt den Begriff Sida sehr klein. Der Slogan lautet „Für eine bessere Welt“, und allenfalls die Regenbogenfarben an Haar und Händen und die rote Schleife deuten an, was gemeint sein könnte. Ein Plakat aus Dschibuti zeigt eine Familie, die sich über eine Brücke vom Betrachter entfernt. Der Text lautet: „Familienzusammenhalt, eine sichere Brücke zum Schutz vor Aids“ (2000er Jahre). Die muslimische Musterfamilie (mit Kopftuch tragender Frau) wendet sich von den Knochen und Totenschädeln vorn ab. Klarer könnte man die Trennung zwischen „denen“ und „uns“ kaum visualisieren.

Auch in Asien ist das Thema stark tabuisiert: Aus China etwa gibt es keine Plakate. Und das Beispiel aus Hongkong zeigt eine große Spritze: „Drogen und Aids sind miteinander verbunden“ (1998/99). Die Plakate aus Japan verniedlichen das Thema: „Aids ist eine Krankheit, die verhindert werden kann“ (1994) stellt eine Familie als Finger einer Hand dar. Papa Daumen schmiegt sich an Mama Zeigefinger.

Es geht natürlich auch anders, wie der „Condoman“ aus Australien vorführt. Der farbige Superheld proklamiert 1987: „Schäme dich nicht … schütze dich!“ Besonders freche Motive kommen aus der Schweiz: „Schütze deine Kronjuwelen gut!“ (1998), heißt es da. Und ein weiteres Motiv textet zu zwei nackten Männern: „… und nicht in den Mund abspritzen!“ (1990).

Bekannt ist die Kampagne von Marcel Kalvenbach und Guido Meyer für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, „mach‘s mit“, wo sich zwei Kondome mit wenigen Strichen in Engelchen und Teufelchen verwandeln (2005). Sehr expressiv wirbt ein geschminkter Mann in Luxemburg: „Stoppt nicht die Leidenschaft, stoppt Aids“ (ca. 1996). Hoch ästhetisch setzt die Kampagne von Garberts aus Schweden (1999) Blüten als erotische Signale ein: „Come Together“. Und aus Spanien kommt ein Plakat mit zwei schwulen Fußballern, die betonen: „Wir gehen auf Nummer sicher...“ (2010).

Daneben sieht man auch politische Botschaften von Aids-Aktivisten. Besonders in den USA entstanden angesichts der Politik zum Beispiel von Präsident Ronald Reagan aggressive Motive wie „Aidsgate“, mit dem die Aktivisten von ACT UP (Aids Coalition To Unleash Power) das Versagen der Regierung vor der damaligen Pandemie anprangern (1986). Gran Fury brachte es auf den Satz: „Die Regierung hat Blut an den Händen“ (1988). Vincent Cagliostro attackierte die katholische Kirche, die mit ihrer restriktiven Sexualmoral Maßnahmen gegen Aidsblockierte: „Stop the church!“ (1989).

Die Schau erweist sich gerade durch die historische Distanz als ausgesprochen aktuell. Die gesellschaftlichen Veränderungen durch die erste Pandemie sind noch nach Jahrzehnten spürbar. Auch wenn wir uns heute an ein Leben vor Aids kaum erinnern.

Bis 29.11., di - so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 000, www. museum-folkwang.de,

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 20 Euro

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