Retrospektive zu Jan Banning in Iserlohn

Amtsträger in der Provinz von Bolivien: Jan Bannings Foto ist in Iserlohn zu sehen. Fotos: © Jan Banning

Iserlohn – Rodolfo Villca Flores hat in Betanzos etwas zu sagen als Chef-Aufseher über die Sanitär- und Marktanlagen der Stadt. Würdevoll blickt er uns an. Auf seinem Schreibtisch steht ein Wimpel mit den Nationalfarben Boliviens. Hinter ihm hängen Bilder der Freiheitskämpfer Simon Bolivar und Antonio Jose de Sucre. Andererseits blättert der Lack an dem altmodischen Möbel bereits.

Der niederländische Fotograf Jan Banning hat das Bild 2005 für seine Serie „Bureaucratics“ aufgenommen. Eigentlich spricht es für sich: Man sieht einen Beamten, der auf korrektes, staatstragendes Auftreten Wert legt. Aber an den Rändern hat sich Unordnung eingeschlichen. Eine rote Decke am rechten Bildrand verhüllt abgestellten Kram. Und unter dem Schreibtisch liegen irgendwelche weiße Schnüre. Dieser Mann hat seine Ecke in einem großen Raum zu einem Machtzentrum ausgebaut. Aber es liegt eben in der Provinz eines nicht allzu bedeutenden Staates. Aus dieser Diskrepanz entsteht auch eine leise Komik, die nicht auf Kosten des Porträtierten geht.

Bannings Foto ist in der Städtischen Galerie Iserlohn zu sehen. Das Haus zeigt eine Retrospektive, die 2019 für das Fotomuseum Den Haag entstanden ist. Mit rund 70 Werken werden die Themen dokumentiert, die der 1954 geborene, in Utrecht lebende Fotograf verfolgt.

Der Herr Flores ist eben nur ein Beispiel für Staatsdiener, die Banning rund um den Globus an ihren Schreibtischen porträtierte. Dazu liefert er jeweils ein kleines Datenblatt mit Name, Aufgabenbereich, Einkommen. Und da reicht das Spektrum eben bis zu Texas Ranger Rudy Flores aus Palestine, einem imposanten Mann mit weißem Cowboyhut, der seinen Schreibtisch zugebaut hat mit Akten, aber auch persönlichen Gegenständen wie einem Briefbeschwerer in Sheriff-Stern-Form, einer roten Plastikpistole, einer Spardose. An der Wand hängen weitere Hüte an Stierhörnern, man sieht Messer, Urkunden, Fotos. Dieser Beamte hat sein Büro als persönliche Höhle gestaltet.

Das komplette Gegenstück dazu ist Nadja Ali Gayt aus dem Jemen. Die Beraterin für Landfrauen arbeitet vollverschleiert an einem kleinen blauen Schreibtisch in der Ecke eines Raumes mit komplett kahlen Wänden. Anonymer geht es kaum. Es gibt viele solcher Aha-Momente, seien es die auf strenge Ordnung inszenierten Arbeitsplätze russischer Beamter, sei es das Büro von Roger Vacher, Drogenbeauftragter in Clermand-Ferran, der mit Pfeifen, einem Bob-Marley-Plakat und einem Blatt der Zeitung „The Daily Leaf“ ein relativ entspanntes Verhältnis zu Marihuana signalisiert. Was natürlich ironisch gemeint sein kann.

Man merkt vor solchen Serien, dass Banning nicht nur seine Bilder sehr präzise komponiert. Er überträgt auch das Handwerkszeug seines Studiums der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte auf seine Serien. An eng gewählten thematischen Motiven bietet er Einsichten in soziale und psychische Kontraste.

Mit 70 Aufnahmen aus fünf Serien lässt sich allerdings die Arbeit Bannings nur auszugsweise repräsentieren. In der Serie „Red Utopia“ erforscht er, was nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Kommunismus blieb in der Welt. Da sehen die Funktionäre der Revolutionären Maoisten, die in Nepal nur eine Splitterpartei sind, in ihrem Büro trotz der großen roten Fahne verloren aus. Die Aufnahme aus dem Parteilokal in Venedig atmet Kneipenatmosphäre, und statt Che Guevara könnte auch ein Fußballspieler über den Tischen hängen.

Die Welt der Justiz erkundet Banning in der Serie „Law & Order“. Da sieht man, wie Häftlinge in Uganda Biologieunterricht bekommen, der Lehrer ist ein zum Tode Verurteilter. Zwei junge Frauen fläzen sich auf Betten in einem schäbigen Zimmer. Das könnte ein Bordell sein, tatsächlich posieren zwei Insassen eines Frauenknasts in Cartagena. Das Nachleben der britischen Kolonialherrschaft sieht man beim Blick in den Gerichtssaal in Kampala, Uganda, wo der Richter Benjamin Kabiito eine blonde Amtsperücke trägt.

Großartig ist auch die Serie „Down & Out in the South“, für die Banning in South Carolina aufwendige Studioporträts von Obdachlosen fertigte. Gewiss sieht man David an, dass er nicht nur gute Tage erlebte. Aber er ginge doch auch als Hollywood-Schauspieler in Jogging-Kluft durch. Banning wendet hier alle Kunst auf, um den Menschen am Rande der Gesellschaft mit dem Gesicht auch Würde gibt.

Für die Serie „The Sweating Subject“ folgte Banning einer Einladung aus Ghana. Da fotografierte er sich selbst im Hofstaat von Stammesobersten, ein irgendwie verloren aussehender Fremdkörper unter Würdenträgern, die oft in schäbigen Räumen posieren. Einmal sogar in einem Pferdestall.

Bis 8.11., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr, Tel. 02371/ 217 1940

www.iserlohn.de/kultur/ staedtische-galerie

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