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Das Museum Folkwang bringt die Sammler Osthaus und Matsukata zusammen

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Von: Ralf Stiftel

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Paul Signac Le Port de Saint-Tropez, 1901/02
Paul Signac: Le Port de Saint-Tropez (Der Hafen von Saint-Tropez, 1901/02), The National Museum of Western Art, Tokyo (ehemals Museum Folkwang, Hagen/Essen) © National Museum of Western Art, Tokio

Essen – Zur Jubiläumsfeier kommt die Kellnerin mit den Bierkrügen aus Paris. Das Museum Folkwang in Essen feiert sein 100-jähriges Bestehen mit einem Fest der wohl populärsten Malerei, mit Meisterwerken des Impressionismus und Spätimpressionismus. Édouard Manets „Serveuse de Bocks“ (1878/79) ist eine hinreißende Momentaufnahme aus dem Nachtleben der Metropole. Mit Szenen wie dieser begann die moderne Kunst.

Schon damit passt die Schau „Renoir, Monet, Gauguin – Bilder einer fließenden Welt“ perfekt zum hochgestimmten Anlass. Aber die Schau mit rund 120 Meisterwerken leistet mehr. Sie blickt zurück in die Geschichte des Hauses, indem sie an Karl Ernst Osthaus (1874–1921) erinnert, der vor 120 Jahren in Hagen das erste Folkwang-Museum gegründet hatte. Ein Sammler und Visionär, der die modernste Gegenwartskunst seiner Zeit, eben die französische, nach Deutschland brachte. Kuratorin Nadine Engel gelang ein Coup: Sie fand in Japan eine ähnliche Sammlerfigur, den japanischen Schiffsunternehmer Kojiro Matsukata (1866–1950), der ebenso fasziniert von den Impressionisten war und wie Osthaus von einem volkspädagogischen Antrieb beseelt. Seine Firma Kawasaki hatte ihm unter anderem mit Kriegsschiffen für Europa ein Vermögen eingebracht. Einen Großteil davon steckte er in Bilder. Er wollte die europäische Kunst in sein Land bringen, damit die Menschen den westlichen Geist verstehen. Er bezahlte den Guss von Rodins „Höllentor“ für das Musée Rodin in Paris. Und gleich eine zweite Ausführung des Monumentalwerks, die für seine eigene Sammlung bestimmt war. Er kaufte 1922 aus der Sammlung des in Zahlungsnöte geratenen dänischen Unternehmers Hansen auf einen Schlag 34 Bilder für fast 1,7 Millionen Francs. Matsukata besaß einst 3000 Werke westlicher Kunst. 1927 setzte ihm die Wirtschaftskrise zu er musste Bilder verkaufen. In London hatte er Kunst eingelagert, 900 Werke wurden bei einem Brand vernichtet.

Heute bildet ein bedeutender Teil seiner einstigen Kollektion den Grundstock des National Museum of Western Art in Tokio. Das Haus wird – ein Glück für Essen – zur Zeit restauriert. So konnten rund 40 Werke aus Japan entliehen werden für einen wundervollen Dialog zweier Sammler, die sich nie getroffen hatten, sich aber in Geschmack und Intentionen nah waren. Es ist ein Prestigeprojekt, kostet einen siebenstelligen Betrag, wie Museumsdirektor Peter Gorschlüter verriet. Selbst in Pandemiezeiten wird es Kunstfreunde in Scharen locken.

Für den Besucher ergibt sich ein hinreißender Streifzug durch die Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Werke sind in Kabinetten inszeniert, die um zentrale Künstler der Epoche gruppiert sind. So gibt es ein Rendezvous zwischen Pierre-Auguste Renoirs lebensgroßem Frauenporträt „Lise“ (1867), einer Ikone des Folkwang-Museums, und Manets Bildnis von Monsieur Brun (um 1879), einem ähnlich überwältigenden Exponat des Museums in Tokio. Matsukata erwarb auch eine schwül erotische Haremsszene von Renoir, „Parisiennes habillées en Algériennes“ (1872).

Manets Kellnerin hat eine besondere Geschichte. Das Werk gehört zu einem Konvolut, das sich zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Frankreich befand. Ab 1951 verhandelten die Länder über eine Rückführung, und Frankreich gab den größten Teil dieser als Feindeseigentum beschlagnahmten Kunst zurück, unter der Bedingung, dass dafür ein eigenes Museum errichtet würde. Die „Serveuse de Bocks“ stand aber auf einer Liste mit Werken, die französische Museen als unverzichtbar für das nationale Erbe ansahen. So landete das Bild im Pariser Musée d’Orsay, von wo es nach Essen entliehen wurde.

Acht Gemälde von Claude Monet sind zu sehen. Sechs davon kamen aus Tokio, darunter die Ansicht zweier junger Frauen in einem Boot („Sur le bateau“, 1887), in der die kurzen Pinselstriche das Flirren der Sonne im bewegten Wasser imaginieren, ein duftig-heiterer Sommermoment. Monets Werke waren für Osthaus schon nicht mehr erschwinglich. Das Folkwang-Museum konnte erst nach dem Krieg zwei Bilder erwerben. Eine Ansicht des Portals der Kathedrale von Rouen im Morgennebel (1894) gehörte ursprünglich zu Matsukatas Sammlung.

So streift man durch eine fabelhafte Reihe von Meisterwerken. Die Schau ist nicht streng chronologisch gehängt. So begegnet man am Anfang den Sammlern in Porträts. Matsukata ließ sich von Frank Brangwyn malen, einem britischen Künstler, der den Sammler beriet und auch Entwürfe für ein geplantes Museum machte. Das Bild von 1916 zeigt einen jovialen, beleibten Herrn im Sessel mit Pfeife. Ida Gerhardi zeigt Osthaus 1903 als Intellektuellen am Schreibtisch, im Hintergrund hängen Gemälde an der Wand.

Ein Kabinett ist Rodin gewidmet. Das „Höllentor“ war natürlich nicht transportabel. Aber eine ganze Reihe von Einzelfiguren und eine Gips-Maquette vermitteln einen guten Eindruck. Zu den Werken von van Gogh und Camille Pissarro wurden die Werke der wichtigen Vorläufer präsentiert. Von Jean-Francois Millet sieht man aber nicht die bekannteren Szenen von Kartoffelernterinnen, sondern eine große, etwas kitschige Allegorie des Frühlings (1865).

Prächtig ist das Ensemble der Pointillisten. Hier gibt es noch eine Wiederkehr: Paul Signacs Ansicht des Hafens von Saint-Tropez (1901/02) gehörte einmal zur Folkwang-Sammlung. Nun ist sie aus Tokio auf Zeit zurückgekehrt.

Und natürlich gibt es zum Ausklang das Doppel von Paul Gauguin und Vincent van Gogh, wo die Folkwang-Sammlung noch einmal ihre ganze Pracht entfalten kann, mit den „Reitern am Strand“, dem Halbakt des versonnenen Mädchens mit dem Fächer und den mystisch-exotischen „Contes Barbares“ (alle 1902). Doch die japanischen Leihgaben wie die „Kleinen Bretoninnen vor dem Meer“ (1889) runden den Bestand noch einmal ab.

Der Ausstellungstitel ist vieldeutig, spielt auch darauf an, dass Matsukata sozusagen von Berufs wegen Kunst mit Meeresbezug liebte. Aber „Bilder einer fließenden Welt“ ist auch eine Umschreibung der japanischen Farbholzschnitte, Ukiyo-e. Matsukata hat in Europa 8000 japanische Farbholzschnitte erworben und nach Japan zurückgebracht. Einige sollten auch in Essen gezeigt werden, aber sie sind als Nationalschatz eingestuft und dürfen nur in Begleitung von Kuratoren entliehen werden. Pandemiebedingt ging das nicht. Aber zum Glück war auch Osthaus an Weltkunst interessiert. So sind japanische Rollbilder und Masken ausgestellt. Und es gibt drei Installationen japanischer Gegenwartskünstlerinnen.

Ein großes Kunsterlebnis.

Eröffnung Samstag mit dem Schirmherrn, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Ab Sonntag geöffnet für Publikum,

bis 15.5., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201/ 88 45 444, www.museum-folkwang.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Berlin, 42,80 Euro

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