MKK in Dortmund

René Schoemakers und seine Ausstellung „Weltgeist“

Das Gemälde „Der Böhse Paul (Mekanik Destruktïw Kommandöh)“ (Acryl auf Leinwand, 2019/20) von René Schoemakers
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Das Gemälde „Der Böhse Paul (Mekanik Destruktïw Kommandöh)“ (Acryl auf Leinwand, 2019/20) von René Schoemakers ist in Dortmund zu sehen.

René Schoemakers provoziert mit seinen gemalten Bildwelten. Das Museum für Kunst und Kultur in Dortmund zeigt seine Ausstellung „Weltgeist“.

Dortmund – Der rosarote Kopf von Paulchen Panther ist abgetrennt und auf dem Gemälde von René Schoemakers zu sehen – blutverschmiert. Der Künstler selbst hält eine symbolische Tatwaffe. Über seinem grauen Thron ist ein Kreuz, ein deutsches Kriegsemblem zu sehen. Wer tötete den launigen Spaßmacher und warum?

Solche Fragen sind auch in der Ausstellung „Weltgeist. René Schoemakers“ im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Dortmund nicht leicht zu lösen. Die Bildunterschrift zum Werk fehlt und lässt sich nur über einen QR-Code im Museum ermitteln. „Der Böhse Paul (Mekanik Destruktïw Kommandöh)“ heißt diese Acrylmalerei von 2019/20. Der Titel deutet eine rechtspopulistische Thematik an. Konkreter wird es nicht. Dahinter steckt eine zutiefst humane Haltung. Schoemakers wurde vor allem durch die Bekennervideos des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) auf Paulchen Panther gebracht. Uwe Mundlos mochte die rosarote Figur. Und so ist das Zeichentricktier in den Videos zu sehen, die zu den Tatorten des NSU führen. Auch nach Dortmund, wo Mehmet Kubasik 2006 das achte Opfer der Terroristen wurde.

Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass das MKK vor allem die Werke Schoemakers ausstellt, die sich mit der rechtsnationalen Szene befassen. In Dortmund stemmen sich auch Museumsdirektor Jens Stöcker und Kurator Christian Walda gegen Rechtsradikalismus.

Insgesamt sind 170 Bilder von Schoemakers zu sehen, der 1971 in Kleve geboren wurde und seit 1991 in Kiel lebt. Der Künstler zeigt sich in „Der Böhse Paul“ auf einem deutschen Thron mit blutigem Halsschnitt, mit rosa Umhang und grauer Körperbemalung. Wer tötet hier wen? Das Bild bleibt uneindeutig. Aber gerade das hat etwas Faszinierendes.

Schoemakers studierte neben Kunst auch Philosophie in Kiel. Georg Friedrich Hegel (1770–1831) hatte in seiner Zeit die Idee in der Geisteswissenschaft aufgewertet und als Idealismus über die reale Welt gestellt. Schoemakers zieht den deutschen Idealismus heran, um auf Menschen zu verweisen, die nur Überzeugungen folgen. Ideologien führten in der Geschichte zu Mord, Krieg und Völkervernichtung. Was Ideen anrichten, bewegt den Künstler.

Ein weiterer Impuls ist die Nähe des Brutalen und Banalen, die Schoemakers zu Bildfindungen anstiftet. In „Der Böhse Paul“ wird die Diskrepanz zwischen blutiger Enthauptung und kuscheliger Animationsfigur eine brutal-banale Irritation.

Aber auch in anderen Exponaten, die in Dortmund zu sehen sind. Wie das Gemälde „München leuchtet (Theresienwiese/Deutscher Herbst)“ (2019), das an das Oktoberfestattentat von 1980 erinnert. In den Medien war auf den Tatortbildern immer der Imbiss „Heiße Würste“ mit abgebildet. Eine Banalität, die angesichts der 13 Toten und 221 Verletzten für Schoemakers erschreckend war. Nun hängt in der großen Museumshalle gegenüber das Bild „München leuchtet (ToniRoth!ToniRoth!Toni Roth!)“ (2019). Es ist ein prachtvolles Blumenstillleben, mit dem der Künstler an Toni Roth erinnert. Der Maler, so berichtet Schoemakers in Dortmund, habe 1941 wieder eins seiner Stillleben verkauft. Zeitgleich fand das Massaker von Babi Jar statt. Deutsche Einsatzgruppen und SS ermordeten 33 771 Juden. Ein historisches Foto vom Tatort hat Schoemakers 2021 in Schwarzweiß gemalt. Der Titel: „Bild (Schlucht)“. Der Künstler reagiert mit seinen Mitteln auf deutsche Kontinuitäten. Die Banalität des Grauens scheint auf. Aber Hinweise auf Schoemakers’ Motivationstiefe fehlen.

Die Bilder sind ausdrucksstark, wie auf eine Bühne gestellt. Sie wirken aus der Distanz fotografisch. Dabei ist das Foto nur ein Teil seines Arbeitsprozesses. Für das Diptychon „Rotes Präparat II (Nullpunkt)“ (2019) hat er ein Arrangement in einer alten Kieler Müllverbrennungsanlage mit signifikanten Bildern aus seinem Werk eingerichtet. Eine Zinkwanne, eine rote Mischung, mit der seine Frau bemalt wurde, und weiße Papptotenköpfe sind zu sehen. Schoemakers fotografierte die Szenerie und übertrug das Foto auf eine Leinwand. Mit Lasuren und im klassischen Malstil realisierte er die Inszenierung.

Insgesamt sind in Dortmund neun Räume eingerichtet. Im Raum „Cranach (Weltgeist IV)“ ist Schoemakers’ Frau als Christusfigur mit offenen Augen, mit Dornenkrone und Schnittwunde zu sehen ist: „Mirror, mirror on the wall (Mater dolorosa)“ (2017). Das Bild war bereits im Museum Schloss Gottorf ausgestellt, wo Kurator Christian Walda den Künstler kennengelernt hatte. Einige Besucher fühlten sich seinerzeit in ihrem Glauben gestört. Eine Studentin fragte, ob sie ein Abbild für ihre Magisterarbeit zur feministischen Theologie erhalten könnte.

Schoemakers Bilder führen zu Reaktionen. Seine wirkmächtige Malerei, sein Spiel mit klassischen Genremotiven, seine Themen wie Christentum, rechter Terror, deutscher Nationalismus und Islamismus rütteln an Überzeugungen und provozieren. In seinem visuellen Kosmos werden Kultur- wie Familiengeschichte verarbeitet. Neben seiner Frau sind seine fünf Kinder als Modelle in den Bildern zu sehen.

René Schoemakers war bereits als Schüler in Kleve aufmerksam geworden, als er erfuhr, dass auf dem Sandparkplatz vor dem Aldi-Laden einst eine Synagoge stand. Dass dieser Teil der Stadtgeschichte lange Zeit verschwiegen wurde, alarmierte Schoemakers schon damals.

Bis 9.1. 2021; di-so 10 – 18 Uhr, Tel. 0231/50 260 28;

Katalog im Kerber-Verlag für 20 Euro (im Museum);

Info-Angebote unter www.weltgeist-mkk.de und www.mkk.dortmund.de

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