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Raimund Girke wird im MKM Museum Küppersmühle ausgestellt

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Von: Achim Lettmann

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Sichtbare Pinselarbeit bietet „Helles Bild“ (1959) von Raimund Girke..
Sichtbare Pinselarbeit bietet „Helles Bild“ (1959) von Raimund Girke. © Henning Krause, Köln; MkM Duisburg, VG Bild-Kunst

Raimund Girke zählt zu den Malern der Nachkriegszeit, die gestisch-abstrakt arbeiteten. Duisburg zeigt eine Retrospektive mit 132 Bildern: „Klang der Stille“.

Duisburg – Raimund Girke zählt zu den Malern, die nichts abbilden wollen. Also sollte man auf seinem Gemälde „Weiß dynamisch“ auch nichts suchen. In dem abstrakten Bild von 1994 zeigen sich weder Mensch, Landschaft noch Gesellschaft, wie in den Sujets der gegenständlichen Kunst. Vielmehr werden Bewegungen sichtbar. Vielleicht sind es Reaktionen des Künstlers auf seine Welt? Biografisches bleibt dem Betrachter ebenfalls verschlossen. Girke (1930–2002) führt hier einen breiten Pinsel, trägt Farbe auf, schichtet, überlagert, verwischt und schafft einen Aktionsraum, aus dem vor allem Weiß strahlt. Für ihn ist es die interessantes Farbe. „weiss ist reine energie“, schreibt er 1966.

Im MKM Museum Küppersmühle in Duisburg ist die Ausstellung „Raimund Girke. – Klang der Stille“ zu sehen. Eine Retrospektive mit 132 Bildern, die die unverwechselbare Position Girkes in der Malerei nach 1945 über fast 50 Jahre ausbreitet. Die Bilder sind vor allem chronologisch gehängt. Schwerpunkt sind großformatige Exponate der 90er Jahre – sein Spätwerk. Hier wird seine analytische Malerei nachvollziehbar.

Girkes Besonderheit ist, dass er sich vom Informel der 1950/60er Jahre gelöst hat, um die Farbe Weiß zu ergründen. Er folgte keiner Theorie, sondern erkundete das Weiß im Bildraum. Dabei überwand er schrittweise die gestischen Techniken und griff letztlich zur Spritzpistole. So minimierte Girke die künstlerische Handschrift beim Farbauftrag. Entstanden sind monochrome Bilder wie die Arbeit „Ruhe“ (1969), die von horizontalen Linien gegliedert ist. Die Fläche ist weiß, lässt die Struktur der Leinwand erkennen und schafft ein gleiches Maß für Weiß.

In Duisburg wird der Blick für jedes Bild geschult, für Nuancen auf Oberflächen, für die Körperlichkeit von Farbe und für die Bildfläche. Weiß ist für Raimund Girke „Ruhe und Bewegung zugleich, ist grenzenlos und nimmt dem Bild seinen materiellen Zustand“. Girke schreibt 1963 von unbegrenzter räumlichen Bewegung, die er mit seinen weißen Bildern schaffen will. Auf diese Endlosigkeit muss man sich auch im Museum einlassen. Erfahrbar wird eine Transzendenz, die zum Wesen der Abstraktion gehört. Welche inneren Bilder, die unsere Persönlichkeit spiegeln, sehen wir im Weiß Girkes?

Interessant sind die vielgestaltigen Details in den Bildräumen, die der Künstler geschaffen hat. Wie das Weiß in „Untiteld“ (1973), das im Licht des Ausstellungsraums irisierende Farben erspüren lässt. Die feinrissige Oberfläche ist eine gestörte Lasur, die im Moment eines Blicks Assoziationen fordert. Solche Bilder sind immer auch Lichterscheinungen. Mal als weiße Fläche, wie in „Weiß-Struktur malerisch“ (1961) mit Materialstippen auf der glatten Oberfläche. Oder im Bild „Horizontaler Ablauf“ (1957), wenn der Pinsel des Malers Schwarz und Weiß pastos verschwimmen lässt. Scharfe Farbkanten akzentuieren die Schichten. Die reduzierte Malerei wird zu einer lebhaften Erscheinung, die auch im Gemälde „Helles Bild“ (1959) zu bestaunen ist.

Die Retrospektive ist reich an malerischen Momenten. Ausgehend von vieltonigen Bildern wie „Erdfarben“ (1954), als Girke in seinen frühen Jahren jene Ausdruckskraft zu thematisieren scheint, die andere Künstler zum abstrakten Expressionismus geführt hat, schafft er im Gegensatz dazu Platz für seine Studien mit Weiß.

In den 1970er Jahren wendet sich Girke wieder mehr der gestischen Malerei zu: großformatig, kraftvoll und agil. Vor allem die großen Bilder aus den 1990er Jahren hebt Madeleine Girke in Duisburg hervor, welche die Spannweite seiner Arme haben. Sie beschreibt das menschliche Maß ihres Vaters, der die Kunst brauchte wie die Luft zum Atmen. Er sei leidenschaftlich, politisch, kämpferisch, voller Leben gewesen, sagte sie. Und Girke liebte Beethoven. Die Streichquartette des Komponisten seien wie ideale Bilder gewesen, habe ihr Vater gesagt, weiß die Tochter. So füllt sich diese Ausstellung gedanklich auch mit Musik: „Klang der Stille“. Madeleine Girke betreut das Werk ihres Vaters. Frisch nennt die Nachlassverwalterin seine Bilder und freut sich über die große Schau.

Raimund Girke, 1930 bei Breslau geboren, war mit seinen Eltern nach Quakenbrück geflohen. Auf die Kunstgewerbeschule in Hannover folgte die Düsseldorfer Kunstakademie bis 1956. Eine Einzelschau fand 1967 in Soest statt. 1977 nahm Girke an der documenta teil. Ausstellungen im In- und Ausland folgten. 2002 starb er in Köln. Im MKM Museum Küppersmühle, das seit der Eröffnung des Anbaus im September 2021 rund 60 000 Besucher zählte, sind Girkes Zeichnungen (1983–1998) in einem Kabinett zu sehen. Seine letzten Bilder auf Büttenpapier (2001) gehören Gelb, Blau und Braun: Es sind Farbträumereien statt Weiß.

Bis 26.6.; mi 14 – 18 Uhr do-so 11 – 18Uhr; Tel. 0203/301948 11; Katalog

erscheint Ende April;

www. museum-

kueppersmuehle.de

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