Max Raabe und das Palastorchester begeistern im Konzerthaus Dortmund

Max Raabe Foto: Sven-Sebastian Sajak

Dortmund – Drei Worte: Frack. Pomadescheitel. Kaktus. Es war wieder Zeit: Zwei Abende gastierten Max Raabe und das Palastorchester im ausverkauften Konzerthaus Dortmund.

Er weiß, was man von ihm will, und das gibt es schließlich auch, als Zugabe. Er sticht, sticht, sticht. Jemand fordert lautstark „Lulu“; den Hit gibt’s diesmal aber nicht. Max Raabe liefert, was man kennt und liebt an ihm, dabei wirkt der Abend allerdings reduziert. Vielleicht liegt es daran, dass das Palastorchester in kleinerer Stärke da ist (aber nicht weniger pointiert oder strahlkräftig). Wohl eher liegt es an vielen 21.-Jahrhundert-Songs aus der Feder von Annette Humpe, die eine feine Großstadtmelancholie mit einem sonnigen Hier-und-Jetzt-Gefühl fusionieren. So wie in „Der perfekte Moment“: das ultimative, Ukulele-selig besungene Seelebaumelnlassen. Wie im Video zum Lied schlafen in der Videoprojektion, die hinter dem Orchester erscheint, süße Hunde und Katzen tief und fest. Katzenvideo plus Musik gleich pure Entspannung für Alltagsgehetzte.

„Ich geh durch einen Park am Donnerstag“ klingt wie eine Anleitung zur Gruppenmeditation. Die Gitarre klimpert heimelig. „Ich seh eine Buche, einen erhabenen Baum“, erzählt Max Raabe. „Ich geh auf ihn zu. Ich leg die Hand an seinen Stamm.“ Will dieser erhabene Baum ihm etwas erzählen? Gottseidank kommt die trockene Antwort: „Nö.“ Das ist Ironie, so kuschelig und vertraut wie ein alter Frotteebademantel. Entwaffnete Ironie.

Der Abend ist so entschleunigt, dass „Fahrrad fahr’n“ als Uptemponummer durchgeht. Im Saal sitzt irgendwo eine Person, die aufs Stichwort „Fahrrad“ laut johlt. Es ist halt ein Song fürs grüne Städterlebensgefühl.

So geschmeidig die Lieder und Anmoderationen ineinanderlaufen: Es fragt sich doch, wie moderne Sensibilitäten und die Frechheiten der Chansons aus den 1920er/30er Jahren zusammengehen, wenn Max Raabe von „Frieda“ (1927) singt, in deren Zweizimmerwohnung Mann gewisse Freiheiten eingeräumt bekommt. Über den Zwiespalt geht Max Raabe mit Melancholie und Anmut hinweg. Immerhin kommen die Männer nicht unbedingt als Helden aus der Nummer raus. Das Lied vom „Schönen Gigolo“ (1929), der mal schneidiger Leutnant war und nun für Geld, nun ja, tanzt, wird zum traurigen Trio mit dem famos einfühlsamen Ian Weckwerth am Klavier und der Geigerin Cecilia Crisafulli. Darin gibts die wunderschöne Zeile von der Welt, die in Fransen ging. Was für lakonische, liebenswürdige Texte.

In „Côte d’Azur“ dagegen trauert „er“ „ihr“ nach und mault: „Austern riechen auch bloß nach Fisch“. Schöner ist dekadenter Überdruss kaum zu beschreiben. Zwischen den Liedern erzählt Max Raabe Alltagsgeschichtchen über „Alexa“ oder über die Frage, warum technikbegeisterte Frauen heute immer noch über die Einstellung der bemannten Mondfahrt trauern (Antwort: Weil die Nasa es seitdem unterlässt, weitere Männer auf den Mond zu schießen). Zu Cole Porters „Just one of those things“ (1935) fliegt ein kleines ferngesteuertes Papierflugzeug los, eine entzückende kleine Luftnummer.

Freche frivole Nummern sind dieses Mal weniger dabei: Da ist allemal „Nichts von Bedeutung“ (1936) über das Telefonat einer Fabrikantengattin mit ihrem Butler, der ihr größte heimische Katastrophen berichtet, und Eduard Künnekes „Am Amazonas“ (1932), das die beliebte Großstadt-Dschungel-Metapher bearbeitet. Neu ist die Version des „Mambo“ von Herbert Grönemeyer vom MTV-Unplugged-Album. Zu notieren bleibt, dass Max Raabes Haar, Taschentuch und Grimassen sitzen wie eh und je. Die Höhen sprechen nicht immer gut an, das Parlando kommt etwas weniger geläufig daher als gewohnt. Aber man ist halt Profi und Rampensau. Die Show stimmt.

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