Max Raabe im Konzerthaus Dortmund

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Max Raabe ist regelmäßiger Gast im Konzerthaus Dortmund.

DORTMUND Was da alles los ist in den frechen Liedern vom Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre: Ehebruch, Vielweiberei („Mein Herz ist ein Salon für schöne Frau’n“), und, jawohl, die sexuelle Ausbeutung eines Mannes. Durch eine Frau („Carmen, hab Erbarmen“). Der Witz an diesen Liedern ist, dass Sex und Sehnsucht hier der Positionsbestimmung dienen: Der Großstadtmensch steckt seine Koordinaten ab.

Max Raabe ist der Meister dieser Westentaschendramen. Im Konzerthaus Dortmund war er mit seinem Klavierpartner Christoph Israel zu Gast, ohne Palastorchester. Zum Leidwesen einiger Fans auch ohne „Kaktus“. Es war ein Abend des Parlandos, des leichten Spotts und der zärtlichen Nostalgie, des geflüsterten Was-hätte-sein-können.

„Ganz dahinten, wo der Leuchtturm steht“ (von Allan Gray, 1932) hat Max Raabe 2009 für sein Soloalbum „Übers Meer“ eingesungen, mit eben der leisen Sehnsucht und dem fast unmerklich untermalenden Klavier. „Ninon“ (Walter Jurmann, 1933) wird von Christoph Israel mit zuckrigen Girlanden umwebt. Raabe schwebt im Falsett darüber, dann ein paar schwere Akkorde, er rutscht in den Bariton und singt auf Englisch weiter. „Weißt du, was du kannst“ wird mit Temporückungen bearbeitet, bis das Lied an die damals junge und aufregende Filmkunst erinnert: schnelles Tempo für die Aufblende mitten in eine trubelige Szene, langsames Tempo für die intime Nahaufnahme.

Nur ein Lied von den neuen Alben Raabes wird gespielt, als Zugabe. „Der perfekte Moment… wird heut’ verpennt“ bekommt von Israel eine Staccatobegleitung verpasst, für den unruhig-lässigen Großstadtsound von heute. Das Palastorchester machen die beiden einfach selbst. Max Raabe kann eine Eins-A-Lippentrompete. Im entzückenden „Love Song of Tahiti“ pfeifen er und Israel im Duett ein ganzes Urwald-Vogelhaus zusammen.

Bejubelt wird Max Raabe vor allem für die hochnotkomischen Geschichten aus dem (Liebes-)Leben. Das Filet „Stroganoff“ wird von einem gehörnten Ehemann erfunden, der einen bestellten Braten stellvertretend für den wahren Übeltäter dahinmetzelt, „äächt russisch“.

Im „russischen Tango“ jodelt Raabe wie Ivan Rebroff persönlich, und Israel packt für ein Zwischenspiel die Rachmaninow-Pranke aus. Dabei stecken in dem Stück bloß einfache Tonleitern, rauf und runter gejagt: eine Virtuosennummer wie ein Soufflé.

Selbstironie ist hier Selbstverständlichkeit, die Pose ist durchdesignt bis zum fast damenhaften Hüsteln, zum Griff ans Einstecktuch – alles ist so sehr einstudiert, dass man darüber fast über den Respekt hinwegsehen könnte, den Max Raabe dem Repertoire der wilden Zwanziger entgegenbringt. Er sagt Chansons oft nur knapp mit Namen des Komponisten und Texters an, zur Erinnerung an eine Kultur, die Rassenwahn und Nationalismus zerstörten. Vielleicht auch deshalb das ins Englisch rutschende „Ninon“: Jurmann wurde später Komponist in Hollywood. Allan Gray arbeitete in London und Los Angeles, er schrieb die Musik für den Hollywoodfilm „African Queen“ (1951) mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart.

Die Lieder waren einmal zum Tanzen gemacht und wurden eine ausgefeilte Kunstform. Deshalb könnte sich Max Raabe das lüsterne Anmachraunen in „Weißt du, was du kannst“, dieser anzüglichen Einladung zum Hausbesuch, gern sparen. Viel zu eindeutig. Dafür reicht ein unschuldiges Pfeifen. Auch heute noch.

Edda Breski

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