Dirk Kurbjuweits "Haarmann" 

Dirk KurbjuweitSchriftstellerFoto: susanne schleyer
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Dirk Kurbjuweit, Schriftsteller

„Er brauchte einen weiteren Fall. Er brauchte einen Toten, er brauchte einen Mord“, schreibt Dirk Kurbjuweit und macht die Not eines Berufsermittlers deutlich, der in einer Sackgasse steckt und vom gefährlichsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte keine echte Spur hat: Fritz Haarmann. Kurbjuweit, vielschreibender Autor („Zweier ohne“, „Angst“), Reporter für „Spiegel“ und „Zeit“ wendet sich dem Fall Haarmann zu, obwohl das bestialische Morden lange bekannt ist, aber weiter erschaudert. Vielleicht ein Kalkül, das für Aufmerksamkeit sorgt. Verfilmungen, Theaterstücke und Hörspiele basieren auf Kurbjuweits Geschichten. Folgt eine neue Verfilmung zu „Haarmann“ – nach der Fassung von Romuald Karmakers „Totmacher“ (1995) mit Götz George?

Die 20er Jahre sind nach der TV-Serie „Babylon Berlin“ wieder angesagt. Und Kurbjuweit legt den Fokus auf den Kommissar Robert Lahnstein, der wie Gereon Rath aus Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“ unter Kriegstraumata leidet. Lahnstein war Flieger an der Westfront und muss außerdem überwinden, dass seine Frau im Ruhrkampf zwischen die Fronten geriet und von französischen Besatzern getötet wurde.

Lahnsteins 20er Jahre haben wenig Glanz, auch weil er in Hannover ermittelt, den Vater in Bochum besucht und sich mit der Gesellschaft einer Tabakverkäuferin begnügt. Er ist ein Grübler, ein Demokrat, ein Kämpfer für die junge Republik. Die politische Geschichte macht Autor Kurbjuweit zu seinem Anteil an der Haarmann-Story. Ein Staat, der die Söhne seiner Bürger nicht schützen kann, hat keine Autorität und muss selbst weichen. Diese Stimmung entwickelt Kurbjuweit mit sturen Kaisertreuen in der Polizei-Behörde, mit den Nachrichten zum Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 und seinen Erfahrungen mit deutschen Offizieren in Gefangenschaft. Es sieht finster aus, ist Lahnsteins Prognose. Aber er bleibt beharrlich.

Kurbjuweit führt Statistiken zu Wahlen ins Feld, Gespräche mit Politikern und historische Einschübe, die oft zu knapp gehalten sind, um wirklich zu überzeugen. Gewisse Vorkenntnisse benötigen man schon, um historische Fakten tatsächlich einordnen zu können.

Kurbjuweits „Haarmann“ funktioniert, weil der Fall mit 24 Toten schicksalsschwer und inhaltsstark ist. Das Leid der Eltern, die ungern sehen, wenn ihr Sohn posthum als Puppenjunge dem homosexuellen Milieu zugerechnet wird, ist der Zeit geschuldet.

Fritz Haarmann, 1925 hingerichtet, tritt meist nur kurz auf, ist gewieft, mit Polizisten bekannt und erst in Verhören geständig. Schlafentzug, kein Essen zur Nacht und der Besuch seiner Schwester lassen den Mörder einknicken.

Dirk Kurbjuweit: Haarmann. Ein Kriminalroman. Penguin Verlag, 316 S., 22 Euro

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