Picasso-Museum Münster zeigt die Sammlung Lévy

Im strahlend wilden Licht: André Derains Gemälde „Big Ben“ (1906) ist in Münster zu sehen. Foto: Museum / © VG Bild Kunst

Münster – Sie hängen aneinander, als könne es kein Morgen geben. Vertieft in den Mattchiche sind die Paare aus dem Lokal „Moulin de la Galette“, die Kees van Dongen 1905 oder 1906 mit dicken Strichen porträtiert hat. Der Modetanz aus Brasilien hatte es den Unterhaltungslustigen jener Jahre angetan. Die Sinnlichkeit und der Überschwang hatten es dem jungen Maler angetan. Wie eine Skizze wirkt das Bild, flüchtig ausgeführt, um den Moment nicht zu verpassen.

Die „Fauves“ nannte man van Dongen, André Derain, Henri Matisse und die anderen, die die Tradition der Pariser Salons geradezu in die Luft sprengten. „Die Farben wurden Dynamitpatronen“, so formulierte es Derain einmal. Es war die französische Spielart des Expressionismus, eine Kunstrevolution. Einige der Meisterwerke dieses Aufbruchs sind im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen, in der Ausstellung „Im Rausch der Farbe – von Gauguin bis Matisse“.

Das Haus profitiert davon, dass das Musée d‘Art moderne de Troyes gerade umfassend renoviert wird. Die Säle sind leergeräumt. Und eine Auswahl der schönsten Werke geht auf Ausstellungstournee. Nach Seoul ist Münster die zweite und letzte Station, an der 61 Werke, überwiegend Gemälde, aber auch einige Skulpturen und Grafikblätter zu sehen sind.

Das französische Museum hat eine spannende Geschichte: Es geht zurück auf die Privatsammlung von Denise und Pierre Lévy, die in der Stadt in der Champagne reich wurden mit Textilproduktion (unter anderem Lacoste). Die Lévys waren seit den 1930er Jahren eng befreundet mit Künstlern wie Derain und Maurice Marinot. In Absprache mit ihnen wurden die Lévys zu engagierten Sammlern, die am Ende 6000 Werke besaßen, von archäologischen Stücken über ethnologische Artefakte aus Afrika und Ozeanien bis zu (vor allem) französischer Kunst. Als 1976 die Textilindustrie in die Krise geriet, wollte der Fabrikant seine Produktion und die Arbeitsplätze in Frankreich erhalten. Er bot an, einen Großteil seiner Sammlung, 2000 Werke im Gegenwert einer dreistelligen Millionensumme, dem Staat zu schenken gegen eine Garantie, die ihm den Fortbestand des Betriebs in Troyes sichern würde. Er stellte die Bedingung, dass die Werke nicht in einem der großen nationalen Museen eingegliedert würden, sondern in einem eigenen Haus in Troyes bleiben sollten. 1982 wurde das Museum im historischen Bischofspalast eingeweiht.

Die Auswahl in Münster bietet einen Querschnitt durch die Geschichte der französischen Kunst vom Impressionismus bis zum Surrealismus. Es beginnt mit einem rätselhaften Doppelporträt von Edgar Degas (1867), der linke Mann könnte ein Selbstporträt sein, die Gesichtszüge des rechten sind verwischt, als sei das Bild unvollendet oder als wolle der Künstler etwas verbergen.

Man sieht ein kleines, aber feines Ensemble von Bronzen von Degas, Auguste Rodin und Pierre Bonnard. Rodins Porträtbüste von Balzac (1905) stand auf dem Piano im Salon der Lévys – man lebte mit diesen Kunstwerken. Hinreißend ist eine kleine Ölskizze mit Anglern von Georges Seurat (1883), die suggestiv das Spiel des Lichts auf der Seine einfängt. Großartig auch Felix Vallottons überaus realistischer sitzender Halbakt „Die Afrikanerin“ (1910).

Das Zentrum dieser Schau liegt aber im großen Saal, wo die Meisterwerke des Fauvismus versammelt sind. Markus Müller, Direktor des Picasso-Museums, sieht dieses Ensemble auf Augenhöhe mit den Kollektionen von Häusern wie dem Museum of Modern Art in New York, der Tate Modern und dem Centre Pompidou. Und tatsächlich lässt die Intensität des Blau-Grün-Akkords in Derains Gemälde „Big Ben, London“ (1906) die Augen flimmern. Natürlich klingt in der pointillistischen Komposition das Vorbild Monet nach. Aber Derain sucht nicht eine Augenblicksstimmung einzufangen, er schafft mit seiner kraftvollen Farbsetzung einen neuen Bildwert.

Maurice de Vlaminck zeigt mit kräftig gezeichneten Konturen seine „Landschaft bei Chatou“ (1906). Es ist ein Bild in drei horizontalen Schichten: Oben der geradezu mit rokokohaften Wolkenschnörkeln behangene Himmel, in der Mitte streng strukturierte Gebäude mit Schornstein, Kran und Schiff, unten mit sich auflösenden Formen der Fluss. Schon an der Grenze zu einer Abstraktion der freien organischen Form ist die „Landschaft bei La Ciotat“ (1907) von Othon Friesz. Hinzu kommen weitere Werke von hierzulande unbekannteren Künstlern, die aber durchaus auf Augenhöhe mit ihren Kollegen sind. Lévys Freund und Mentor Marinot bewegte sich ganz in der Tradition des Impressionismus, wie die „Ansicht aus einem fünften Stock in Paris“ (1905) belegt, die scheinbar ganz zufällig das strenge Balkongitter nimmt, um die Ansicht des bunten Treibens zu rhythmisieren. Albert Marquets herbstliche Ansicht des Seine-Ufers (um 1906) ist zwar in gedeckten Farben gehalten, trifft aber wunderbar die Stimmung einer Augenblicksaufnahme, eines gemalten Schnappschusses.

Die Lévys waren durchaus offen in ihren Vorlieben, machten beim Fauvismus nicht halt. So findet man in der Schau auch einige schöne Beispiele des Kubismus und anderer Tendenzen. Robert Delaunay ist mit einigen Sport-Motiven vertreten, sein Gemälde „Die Läufer“ (um 1924) fängt die Dynamik des Wettbewerbs ein. Von Picasso gibt es die frühe Bronze „Der Narr“ (1905) und eine Zeichnung. Henri Matisse gehörte zu den Schwerpunkten der Kollektion, von der kleinen frühen „Landschaft in Korsika“ (1898) bis zum späten, monumentalen Wandteppich „Polynesien, ein Himmel“ (1948-49), ein passendes Objekt für einen Textilindustriellen.

Die Schau

Gastspiel einer großartigen Sammlung der klassischen Moderne mit Künstlern wie Derain, Matisse, Rodin: Im Rausch der Farbe im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. Bis 19.2.2020, erweiterte Öffnungszeiten tägl. 10 – 18, fr bis 20 Uhr, Tel. 0251/ 414 4710, www.picassomuseum.de Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29,80 Euro

Parallel wird aus der Sammlung des Hauses noch die Kabinettausstellung Wie Gott in Frankreich – Picasso kulinarisch gezeigt.

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