Picasso-Museum Münster zeigt eine Privatsammlung

Eine Tuschfederzeichnung von Le Corbusier: „Gitarre, Tellerstapel und Laterne“ (1920), zu sehen in der Ausstellung „Ein Fest für die Augen“ im Museum Pablo Picasso in Münster. Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2019

Münster – Ad Reinhardt wird gar nicht ausgestellt. Der große Abstrakte aus den USA, der mit seinen „Action Paintings“ der Kunstgeschichte monochrome Bilder hinterließ, schafft dennoch eine Verbindung, die in der Ausstellung „Ein Fest für die Augen – Eine Privatsammlung“ Verständnis weckt. Verständnis für diese Privatsammlung, die im Picasso Museum Münster ab Samstag, 13 Uhr, zu sehen ist.

Ad Reinhardt wollte malerische Oberflächen schaffen, die so kontemplativ sind wie die Khmer-Skulpturen. Die Kultur hatte ihre Blütezeit im 9. bis 15. Jahrhundert und erstreckte sich über Kambodscha und Laos bis nach Vietnam und Thailand. Gleich sieben Khmer-Figuren sind zu sehen, und ihre bearbeiteten Steinflächen wirken erhaben und samtig, wie beim Torso aus der Angkor-Wat-Periode.

Reinhardt zählte auch zu den US-Abstrakten, die von Mark Tobey beinflußt wurden. Tobey (1890–1976) war ein Künstler für Künstler. Er hatte chinesische Kalligrafie studiert und zeitlebens Abstraktionen mit dünnem Strich und feiner Zeichnung geschaffen. Seine Bilder bieten keinen Haltepunkt fürs Auge. In Münster sind gleich zwölf Exponate aus der größten Privatsammlung an Tobey-Gemälden gehängt. Es ist eine Privatsammlung, die ohne Namen bleibt. Die „Sammlerpersönlichkeit“, wie sich Museumsdirektor Markus Müller ausdrückt, lebt in Westfalen, will aber unerkannt bleiben. So weiß niemand, wo die privaten Schätze zu finden sind.

Die Sammlung wird durch gewisse Vorlieben charakterisiert, wie Khmer-Skulpturen und Mark Tobey. Aber vor allem muss man sie heterogen nennen – auf hohem Qualitätsniveau. Thematisch gibt es ein paar Setzungen. Im ersten Raum der Präsentation, die insgesamt 75 Werke umfasst, trifft klassische Moderne auf afrikanische Volkskunst. Und auch hier lassen sich Verbindungen finden. Picassos Bild von Jacqueline Roque, das „Frauenporträt“ (1955), zeigt ein Gesicht, das Auge, Nase und Wangen geometrisiert, zu kantigen Flächen stilisiert. Picassos Zeitgenossen wie Matisse, Derain und Braque wurden von ethnologischen Figuren aus Afrika inspiriert. Matisse und Picasso sammelten Kunst vom Schwarzen Kontinent. Und in Münster sind zwei Ahnenfiguren der Fang-Kultur aus dem Raum Gabun und Südkamerun (Holz, Metall) ausgestellt – erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die kleinen Plastiken wirken statisch, die Körperteile sind ganz eigen proportioniert, der Blick geht nach innen. Ihr kultischer Ausdruck erschließt sich einem nicht. Sie waren vor Schädelbehältnisse gestellt, in denen menschliche Überreste aufbewahrt wurden. Eine Wächterfunktion?

Die hockende weibliche Figur aus der Nok-Kultur (Nigeria) ist noch sehr viel älter – 400 v. Chr. Typisch sind die mandelförmigen Augen mit dem Pupillenloch. Vielleicht stand sie auf einem Altar, wird heute spekuliert.

Einen Raum weiter finden sich zahlreiche Blätter zu Le Corbusier. Der moderne Architekt ist hier mit einer Tuschzeichnung („Gitarre, Tellerstapel und Laterne“, 1920) ausgestellt, die ihn als Formentwickler würdigt. Oder wie er selbst sagte: „Ich bin ein Akrobat der Form.“

Dazu gehängt hat das Museum Picasso die deutschen Künstler Carsten Gliese, Milo Köpp und Andreas Karl Schulze. Von Tony Cragg sind zwei biomorphe Skulpturen gestellt. „Eichelhäher“ (Holz, 1990) ist eine organisch-konstruktive und mehrteilige Bodenarbeit. Die rasterartigen Kanäle der Kubenform sind in Teilen aufgerissen und abgebrochen. Tony Cragg war bis 2013 Rektor der Kunstakademie in Düsseldorf.

Die Privatsammlung, die in über 40 Jahren gewachsen ist, überrascht immer wieder. Beispielsweise ist von Gustav Seitz (1906–1969) eine wuchtige Plastik zu sehen, die 1968 zum Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig zählte. „Große Stele“ (1967/68) wird von zwei übergroßen Brüsten gebildet und ist ein Fruchtbarkeitssymbol.

Zu den Zeitgenossen der Ausstellung zählt Christoph Worringer. Worringer, der in Münster studiert hat, schafft große Bildtableaus. Das Gemälde „Berg Tücher“ (2016) ist ein Amüsement, weil eine Gipfelillusion aus gemalten Textilien (mit Figuren) aufgetürmt ist. Wie aus einer gebauten Skulptur ragen hier noch Kartonreste hervor. Ein Spaß mit dem Bildgenre.

Auch wenn der Sammler anonym bleibt, unkonventionell muss er schon sein, denn seine favorisierten Kunststrategien eifern nicht den angesagten Stilen nach, sondern geben auch neuen Ausdrucksformen Platz. Günter Haese (1924–2016) beispielsweise hat in seinem kinetischen Werk feingliedrige Drahtplastiken gebogen, die auf Luft und Bewegung reagieren – „Rundell“ (1986). Außerdem liegen dem Sammler Künstler am Herzen, die etwas mit Westfalen zu tun haben: Peter Telljohann, Hans Breder und andere.

Bis 28. April; di-so 10 – 18 Uhr; Tel. 0251/41 44 710; www.kunstmuseum- picasso-muenster.de

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