Picasso-Museum Münster widmet sich der Linie

Linie oder Farbe? Wer dominiert? Ernst Wilhelm Nays gestisches Gemälde „Orange und Schiefergrau“ (1953) ist im Picasso-Museum Münster in der Ausstellung „Beauty is a Line“ zu sehen. Foto: vg bild-kunst, bonn 2020

Münster – „Orange und Schiefergrau“ nennt Ernst Wilhelm Nay sein informelles Kunstwerk von 1953, das deutlich mehr zeigt als diese beiden Farben. Es sind auch Linien zu sehen, die für den Maler Nay keine Abgrenzungen von Flächen, Farben oder gar Figurkonturen darstellen. Linien und Farben sind keine Antipoden im Bildraum, sondern gleichwertige Teile dieser abstrakten Komposition.

Das Picasso-Museum in Münster thematisiert mit seiner Ausstellung „Beauty is a Line. Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ ein kunsthistorisches Thema, das vor allem im 20. Jahrhundert debattiert wurde. Welche Bedeutung haben Farbe und Linie in der Kunst? Was sich etwas spröde anhört, eröffnet in der Schau allerdings herrliche Bildqualitäten.

Die Idee zu dieser Ausstellung geht auf Markus Müller, Direktor des Picasso-Museums, und Arnoud Odding, Direktor des Rijksmuseum Twenthe in Enschede, zurück, die ein gemeinsames Projekt planten. Die Museen liegen nur 60 Kilometer auseinander. Beide haben in ihren Sammlungen vor allem moderne Kunst. Und warum sehen moderne Werke soviel anders aus als die Kunst der vorherigen Jahrhunderte?

In Münster gibt es die klassische Moderne mit Picasso, in Enschede die Konstruktivisten der De-Stijl-Bewegung mit Piet Mondrian und Bart van der Leck. Mit den Wirkweisen der Linie haben sie das Thema gesetzt, das mit Bildern ihrer Sammlungen und Leihgaben präsentiert wird: In Münster finden sich Arbeiten zur „Gestischen Linie“ und zur „Konstruktiven Linie“ – vor allem mit Beispielen aus dem Rijksmuseum. Während in Enschede die „Expressive Linie“ und die „Konturlinie“ mit Beispielen aus dem Picasso-Museum bedient werden. In Münster wird die Minimal Art und Konzeptkunst mit den Vertretern Donald Judd, Dan Flavin, Sol LeWitt, Cy Twombly und Bruce Nauman noch der „Konstruktion“ zugerechnet. Beide Museen starten ihre Präsentation mit Beispielen für die „Dekorative Linie“. Sie erinnert auch daran, dass der Jugendstil die Kunstrichtung ist, die auf die paneuropäische Moderne verweist: Art Nouveau in Frankreich, Modern style in Großbritannien.

„Salatöl-Stil“ hieß die neue Kunstrichtung in den Niederlanden. Verantwortlich dafür war der Künstler Jan Toorop, der mit starken schwarzen Linien in seinem Plakat „Delftsche Slaolie“ (Lithografie, 1894) für eine hiesige Ölmühle warb (heute: Marke Calvé). Der Jugendstil veränderte Vorhänge, Möbel, Buchumschläge, Kleidung, Gebrauchsgegenstände, Architektur und die bildende Kunst. Paul Ransons „Florale Formen“ (1897) auf Samt zeigt, wie die Linien durch den Bildraum auf der Stoffbahn mäandern. Eine naturnahe Stimmung entsteht.

Die Linie hatte sich emanzipiert. Seit der Entwicklung der Fotografie waren die Künstler nicht mehr für das Abbild der Realität zuständig. Ihre Ideen und Fantasien schufen neue Bildwerte. Folglich war die Linie nicht mehr für Dinge und Objekte zuständig, sie wurde Teil einer Komposition. Als Symbol für Gefühle wurde die Linie beispielsweise von den Expressionisten eingesetzt.

Wie die Farbe in der Moderne vom Gegenstand gelöst wurde, war die Linie ebenfalls für neue Ausdrucksziele frei geworden. Jackson Pollock, abstrakter Expressionist aus den USA, bezeichnete die Linie sogar als „dritte Farbe“. Seine Action-Paintings zeigen auf der Leinwand ein Gewirr aus Linien und Punkten. Pollock schleuderte mit dem Pinsel Farbe auf den Bildgrund, die sogenannten „Drippings“, wie im Werk „Number 32“ von 1950. Dagegen erinnert Cy Twombly mit seinen Wachsstift-Schwüngen auf Ölfarbe (1969) an eine Methode, die vor allem in den USA bekannt war. Mit der Palmer-Methode von 1894 sollte dem Schreibenden geholfen werden, leserlich zu sein. Schüler lernten mit dem repetitiven Verfahren. Das war hilfreich, weil die Schreibmaschine für viele Geschäftsleute noch nicht erschwinglich war. Twombly fand mit den „Schwarzen Tafeln“ zu einem neuen Linienstil in seiner Kunst.

Außerdem ist eine Arbeit von Konzeptkünstlerin Hanne Darboven in Münster zusehen, das Foto von Gjon Mili mit einer Lichtskulptur, die Picasso in den Raum der Töpferei Valluris 1949 gemalt hat, und Olafur Eliassons Bildreihe „Pedestrian vibes study“ (2004): Passanten mit Beleuchtungen am Körper zeichnen bei ihrem Spaziergang eine rhythmische Lichtgravur auf Fotografien mit langer Belichtungszeit.

Sol LeWitts Studien zu Würfeln und Cubes materialisiert die konstruktive Linie als Gegenstand eines Kunstwerks. Beim Betrachter soll eine Idee angestoßen werden, die Objekte in Gedanken zu erweitern. Zum Beispiel bei „Five Part Variations with Hidden Cubes“ (1968–1972). Welche Beispiele mit versteckten Würfeln sind noch möglich und denkbar?

Das Werk soll in der Konzeptkunst eine Überlegung anstoßen, einen „intellektuell herausfordern“, wie LeWitt 1967 schrieb.

Die Vielfalt der über 60 ausgestellten Werke in Münster lässt aber noch andere Erfahrungen zu: sinnliche und romantische.

Bis 24. Mai;

di-so 10 – 18 Uhr;

Tel. 0251 / 41447 10; www.picassomuseum.de

Katalog 21,95 Euro

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