Das Picasso-Museum in Münster erhält 60 Werke von Miró

Cartoon auf kariertem Tuch: Joan Mirós Lithografie „Die Landleute“ (1969) gehört jetzt zum Bestand des Picasso-Museums in Münster. Fotos: © Successio Miro / VG Bild-Kunst Bonn 2020

Münster – Frech kommen „Die Landleute“ daher, fast wie ein paar Halbstarke. Der spanische Künstler Joan Miró hat das Paar 1969 mit schnellen, dicken Strichen charakterisiert wie einen Cartoon. Diese Lithografie ist nicht nur wegen der frischen Darstellung etwas Besonderes. Sie hebt sich auch technisch ab vom Üblichen, denn sie wurde nicht auf Papier gedruckt, sondern auf ein Stück karierter Vichy-Leinwand.

Gestern stellte das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster das Werk der Öffentlichkeit vor. Es ist Teil eines ungewöhnlichen Geburtstagsgeschenks. Vor 20 Jahren wurde das Museum in Trägerschaft einer Stiftung gegründet, an der neben dem Sammler Gert Huizinga die Sparkassen Westfalen-Lippe beteiligt sind. Eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile sind zu den 800 Lithografien Huizingas viele weitere Werke hinzugekommen, so dass das Haus inzwischen über 2600 Exponate verfügt. 1,5 Millionen Besucher fanden bislang den Weg in das einzige deutsche Picasso-Museum.

Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe, sagte: „Was schenkt man zu einem solchen besonderen Geburtstag?“ Die unkonventionelle Antwort: Der Verband stellt eine umfassende Sammlung mit Grafiken von Miró (1893–1982) als Dauerleihgabe zur Verfügung. Dabei kauften die Banken nicht einfach ein bestehendes Konvolut. Sie ermöglichten vielmehr dem Museumsdirektor Markus Müller, bei Mirós Galerie Maeght in Paris auf eine Einkaufstour zu gehen.

Bei Maeght hatte der spanische Künstler drucken lassen. Mit dem gelernten Drucker Aimé Maeght verwirklichte er sein grafisches Werk. Um die großen Formate zu verwirklichen, schuf Maeght eine spezielle Druckpresse an. Und hier lagern auch noch viele Blätter, die noch nie auf dem Markt waren. Aus diesen Beständen konnte Müller in Abstimmung mit Buchholz eine Sammlung für Münster zusammenstellen. 60 Werke repräsentieren Mirós Schaffen von 1938 an, als er erste Radierungen schuf wie „Der Adler und die Frau, die Natur“, das früheste Blatt. Daneben gibt es Lithografien, Serigrafien, in allen Drucktechniken, derer sich Miró bediente. Zusätzlich erwarb der Verband noch 14 Fotos, die der Schweizer Fotograf Ernst Scheidegger vom Künstler in dessen Atelier machte.

Die Neuerwerbung aus erster Hand war ein Herzenswunsch Müllers. Miró stammte aus dem selben Viertel Barcelonas wie Picasso. Die beiden Künstler trafen sich 1920 in Paris und blieben befreundet bis zu Picassos Tod 1973. Ihre Kunst bewegte sich in ähnlichen Bahnen: Wie Picasso gab Miró nie die Figürlichkeit auf, beide standen den Surrealisten nahe. Für ein Picasso-Museum sei ein Bestand an Arbeiten des Kollegen kein „Nice-to-have“, sagt Müller, sondern ein „Must-have“. Er überzeugte den Verband, der sich großzügig zeigte. Zahlen wurden nicht genannt. Aber Miró-Blätter werden für fünfstellige Beträge gehandelt, außergewöhnliche Arbeiten wie die großen Blätter der neuen Münsteraner Sammlung liegen da eher über dem Durchschnitt.

Das Museum kann die ganze Bildwelt des Künstlers präsentieren, der als heiterster der Surrealisten gilt, wiewohl er durchaus melancholische Züge hatte. Da sind die fröhlichen Schöpfungen wie die Aquatinta „Die Sandratte“ (1975), die mit großen Augen und Lachmund sofort den Niedlichkeitsreflex im Betrachter auslöst. Da sind die skurrilen Schwebefiguren in der Lithografie „Notturno“ (1958).

Miró sah sich als „internationaler Katalane“. Während Picasso sich weigerte, nach Spanien zurückzukehren, solange der Diktator Franco an der Macht war (der den Maler überlebte), war die Sehnsucht bei Miró zu stark. Aber er ließ während der Franco-Herrschaft keine großen Ausstellungen in Spanien zu. 1975, nach Francos Tod, schuf er eine Grafikserie für seine Heimatstadt Barcelona. Er schuf Hommagen an den großen Architekten Antoni Gaudí. Und er warb mit einem Plakat für Schriftsteller in katalanischer Sprache. Später zeigte Miró sich offen für populäre Themen. Ja, er stellte sogar dem Tourismusverband eine rote Sonne aus einem seiner Werke zur Verfügung. Das Espana-Logo ist bis heute in Gebrauch – welch anderer Verband verdankt sein Design einem Künstler dieses Formats? Und auch ein Plakat für die Fußball-Weltmeisterschaft 1982 hat Miró geschaffen.

Die neue Sammlung macht das Picasso-Museum auch zu einer ersten Adresse für Miró in Deutschland. Einen solchen Schatz versteckt man nicht: Ab dem 19. September zeigt das Haus seinen Bestand in der Ausstellung „Picasso/Miró“. Dabei werden die Bilder beider Männer, deren künstlerische Wege sich immer wieder kreuzten, in einen Dialog gebracht.

Picasso/Miró 19.9.–31.1.2021,

www.picassomuseum.de

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