Philipp Löhles „Die Mitwisser“ im WLT in Castrop-Rauxel

Von zwei Dienern fürsorglich belagert: Guido Thurk (von links), Mike Kühne, Franziska Ferrari und Vesna Buljevic in „Die Mitwisser“ am WLT in Castrop-Rauxel. Foto: beushausen

Castrop-Rauxel – „Ist das irre, jetzt macht er uns einen Kaffee“, sagt Theo und ist begeistert von seinem Kwant. Theo will seine Frau überzeugen, die noch skeptisch ist, ob die kostenlose Haushaltshilfe nicht zu dominant wird. Als Kwant auf Theos Arbeitsstelle zur Produktionssteigerung von Lexika-Artikeln beiträgt, ist Theo begeistert. Das muss ihm doch nutzen. Oder? Es kommt anders.

„Die Mitwisser“ ist ein Stück von Philipp Löhle, das thematisiert, wie digitale Helfer im Alltag dafür sorgen, dass Menschen ihre Selbstständigkeit verlieren und dass letztlich auch Arbeitsplätze verschwinden. Die Infosysteme der digitalen Welt hat Löhle in seinem Stück personifiziert. Die allwissenden Smartphones, die Fotonachrichten von Instagram, die Kontaktmaschine Facebook und die Musikbox names YouTube, alles bieten die Roboterfiguren im schwarzweißen Dienerdress. Und die Menschen in „Die Mitwisser“ machen mit. Dass sich der wirtschaftliche Umbruch mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) noch forcieren soll, ist eine Dystopie, an die einen das Stück denken lässt.

Markus Kopf entwirft aber kein düsteres Endzeitdrama. Der Regisseur zeigt freundliche Mitwisser-Figuren in einem heiteren Lehrstück, die von der Kinoverhersage, über den Lieblingssong bis zu intim-privaten Fotos vom Partner alles anbieten, was gerade gefragt ist. Die sprachbasierten Assistenten „Alexa“ und „Siri“ lassen grüßen. Nur als der Kwant noch im Schlafzimmer sitzt, während Anna und Theo Sex haben, beschwert sich seine Frau. Ob hier irgendwo die Kamera eines Laptops mitfilmt, darüber kann jeder spekulieren, wie er mag. Inszeniert ist es nicht, und die Anklage gegenüber KI und die Folgen bleiben in Castrop-Rauxel vieldeutige Unterhaltung.

Es geht insgesamt recht launig im Studio des Westfälischen Landestheaters zu. Auch wenn atonale Hintergrundmusik (Ton: Lukas Rohrmoser) dem Spiel seine Illusion raubt und etwas Böses erahnen lässt. Theo ficht das erstmal nicht an. Mike Kühne zeigt ihn so lebenslustig wie naiv. Doch als der kesse Fortschrittsoptimist seinen Enzyklopädisten-Job verliert und sich seine Büroliebschaft als Influencerin für Schminktipps emanzipiert, wird er laut und ruppig. Theo verliert auch noch seine Frau, weil ein PC-Programm zu wenig „Übereinstimmung“ zwischen den Eheleuten gemessen hat. Das „Kwantifizieren“ fühlt sich fortan so absurd wie gruselig an. Zumal sich Theos Anna von ihrem Kwant mehr verstanden fühlt. Svenja Marija Topler gibt eine sensible Frau, die endlich ihr Ich spürt und ihren Kinderwunsch am Ende des Stücks auch noch erfüllt bekommt. Nicht von Theo.

Mittlerweile gibt es mehr Kwants als Menschen, die von einem harmonisch agierenden Ensemble (in Doppelrollen) gezeigt werden.

10., 11. 2.; 8. 3. Brilon, Kolpinghaus; Tel. 02305/97 8020; www.westfaelisches-landestheater.de

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