Peter Eötvös’ Oper „Angels in America“ in Münster

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Outing im Waschsalon: Prior (Christian Miedl) sagt Harper (Kristi Anna Isene), dass ihr Ehemann homosexuell ist. Szene aus „Angels in America“.

Münster - Harper wimmert: „Do you...“, setzt sie immer wieder an und spricht die Frage dann doch nicht aus. Sie will wissen, ob ihr Joe schwul ist. Die Musik hüllt die Sopranstimme von Kristi Anna Isene in ein wattiges, kristallines Wabern. Sie hat wieder Valium geschluckt, und ihr Mann liebt in der Tat Männer. Harper ist eine der vielen Einsamen in „Angels in America“.

Peter Eötvös brachte die Oper 2004 nach dem gleichnamigen Schauspiel von Tony Kushner (1993) heraus. In drei lose miteinander verbundenen Handlungssträngen geht es um Homosexuelle, Aids und die Bigotterie in der Reagan-Ära im New York der 1980er Jahre. Am Theater Münster inszeniert Carlos Wagner das zweieinhalbstündige Werk. Und unter GMD Golo Berg, der eine interessante solistische Besetzung dirigiert (darunter vier Streicher, ein paar Bläser, zwei Gitarren, zwei Keyboards sowie ein Vokaltrio), gelingt auch musikalisch eine sehr eindrückliche Produktion.

Das Bühnenbild (Ausstattung: Christosphe Ouvrard) stellt drei kalte, hyperrealistische Räume nebeneinander: einen Waschsalon (nicht so wunderbar wie in Stephen Frears’ Film von 1985), daneben eine Reihe von Urinalen an einer gefliesten Wand und dazu noch ein menschenleeres Diner wie aus einem Bild von Edward Hopper.

Wagner entfernt die 17 Szenen behutsam von ihrem historischen Kontext und konzentriert sich auf die Einsamkeiten der Figuren. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil Homosexualität längst nicht mehr im gleichen Maße verdrängt und ausgegrenzt wird. Wagner zeigt übrigens keine Sexszene zwischen Männern (die einzige erlebt Harper mit einem Eisbären). Trotzdem blieben nach der Pause einige Zuschauerstühle leer.

Eötvös, der zur Premiere nach Münster gekommen war, hat eine kleinteilige, filigrane Partitur geschrieben, die die Szenen häufig mit dissonant flimmernden Klangflächen unterlegt und atmosphärisch färbt, um dann intensiv aufzudrehen. Seine Musik verwendet vielfältige Alltagsgeräusche (Verkehrslärm, Telefonklingeln), synagogale Gesangsmuster, daneben Jazz und Minimal Music. Die Instrumente werden verstärkt und manipuliert, auch die Stimmen der Sänger (mit Musical-Mikrofonen), was einen besonderen Effekt von Nähe erzeugt, ein vergleichsweise natürliches Stimmenerlebnis, Atmen und Luftanhalten inklusive. Etwa in der Szene, in der Joe (Filippo Bettoschi) sich nachts im Telefongespräch mit seiner Mutter (Suzanne McLeod) outet und angespannt auf ihre Antwort wartet. Die schickt ihn pikiert zurück zu seiner Frau.

Im Vordergrund stehen die Stimmen, steht vor allem das Libretto, dessen Sätze gesungen, gewispert, geschrien werden. Umso bedauerlicher ist es, dass (aus urheberrechtlichen Gründen) nur englisch übertitelt werden darf; auf Deutsch wird vor jeder Szene lediglich eine kurze Zusammenfassung der Handlung eingeblendet.

Die acht Sängerinnen und Sänger auf der Bühne übernehmen mehrere Rollen und profilieren ihre Figuren auch stimmlich: Harpers depressive und sehnsüchtige Linien ähneln denen von Prior (Christian Miedl), der an Aids erkrankt ist und von seinem Freund Louis (David Zimmer) verlassen wurde. Der fürchtet sich vor Priors Siechtum und lernt Joe kennen. Dann gibt es noch den korrupten Anwalt Roy Cohn (Christoph Stegemann dröhnt in breitbeinigem Forte), die einzige historisch belegte Figur des Stücks und Mentor von Donald Trump in dessen New Yorker Karriere-Anfängen. Cohn erklärt Homosexuelle zu Schwächlingen, weshalb er keiner sein könne, und behauptet noch auf der Totenbett, er habe nicht Aids, sondern Leberkrebs.

Ihnen allen erscheinen Engel und Geister: Cohn wird von Ethel Rosenberg heimgesucht, jener angeblichen Atom-Spionin die er er als junger Staatsanwalt auf den elektrischen Stuhl brachte. Harper sieht Astronauten, Eisbären und Prior Walter als Drag Queen, der sie über ihren Mann aufklärt. Prior selbst erhält von einem nicht ganz textsicheren Engel (Kathrin Filip mit komischem Talent und überbordenden Koloraturen) die Aufforderung aus dem Himmel, als Prophet auf der Erde eine Rückkehr zu den guten alten Zeiten zu bewerkstelligen – was er ablehnt: Die triste Realität ist wenigstens echt, die himmlischen Gestalten (es ist das Personal des Film-Musicals „Der Zauberer von Oz“) sind es nicht.

27. Februar.; 10., 16., 21., 23., 29. März, 18. April Tel. 0251/59 09 100

www.theater-muenster.com

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