Expressionist in Werther-Arrode

„Das Frühwerk“ von Peter August Böckstiegel

„Mühle in Deppendorf“ (1912) nannte Peter August Böckstiegel sein Gemälde
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„Mühle in Deppendorf“ (1912) nannte Peter August Böckstiegel sein Gemälde, das im Böckstiegelmuseum in Werther im Rahmen der Ausstellung „Das frühe Werk“ zu sehen ist.

Von Peter August Böckstiegel, dem westfälischen Expressionisten, sind im Böckstiegel-Museum in Werther die frühen Bilder zu sehen (1910 bis 1913).

Werther – Der erste Blick ins Museum Peter August Böckstiegel überrascht. „Das frühe Werk“ des westfälischen Expressionisten bietet bereits Hauptwerke des Malers, die bei Überblicksausstellungen immer wieder gezeigt werden. Böckstiegel (1889–1951) war ein Künstler, der schon in seinen ersten Porträts zwischen 1910 bis 1913 die Kennzeichen der Moderne verinnerlicht hatte. Vor zitronengelbem Hintergrund ist das „Bauernkind aus Arrode“ (1911) zuerkennen. Böckstiegel fasst das Menschenbild in eine flirrende Fläche. Die blauen Augen des Bauernkinds sind Fixpunkte im Bildzentrum. Mit kurzen Strichen wird ein Farblichtspiel vor dem Mädchen mit Hut getupft. Ihre Bluse und Kleid sind über rote Nuancen verbunden. Auch Böckstiegels Gemälde „Selbstbildnis“ (1913) ist in Werther-Arrode gleich sichtbar. Der Mann mit der schwarzen Kappe hebt vor dem hellroten Hintergrund seinen Kopf. Wieder liegen die Augen im Mittelpunkt. Ihr dunkler Ausdruck behauptet sich. Rotbraun ist der gestutzte Bart, grün die kragenlosen Jacke. Was bewegte den Künstler, der sich mit geöffnetem Mund malte, als ob er etwas anmerken wollte?

Die Ausstellung „Peter August Böckstiegel. Das frühe Werk. 1910 – 1913“ zeigt exemplarisch, wie sich die moderne Kunst in Westfalen entwickelte. Museumsleiter David Riedel ist Kurator der Schau. Rund 70 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen und Lithografien sind zu sehen. Als Schüler Ludwig Godewols nahm Böckstiegel Zeichenunterricht parallel zu den Stunden an der Fachschule der Malerinnung in Bielefeld. Bereits 1907 hatte der 18-Jährige Reproduktionen von Ferdinand Hodler, Hans Thoma, Jean-Francois Millet und Edvard Munch gesehen. Böckstiegels Wunsch war, Maler zu werden. Seine Eltern, Bauern in Arrode, unterstützten ihn.

Böckstiegel folgte Ludwig Godewols, der Malerei an der 1907 gegründeten Kunstgewerbeschule lehrte. Mit Victor Tuxhorn, Willy Schabbon, Heinz Lewerenz und Hermann Freudenau formiert sich in der ersten Bielefelder Klasse eine Künstlergeneration. 1909 schlossen sie sich zur Gruppe „Rote Erde“ zusammen, die sich zur westfälischen Heimat bekannte. Ein Manifest formulierten sie nicht, auch ein Gruppenstil blieb aus. Aber in der Öffentlichkeit traten sie gemeinsam auf.

Im Gegensatz zu seinen Malerfreunden suchte Böckstiegel weniger die städtischen Szenen in Bielefeld, als die Landschaften nahe Werther und die Menschentypen der Bauernschaft Arrode – vor allem seine Familie. Die Wirkung der Farben animierte ihn zu Bildfindungen, bei denen die pastose Farbmasse das Motiv für den Ausdruck reiner Farbkraft mehr und mehr in Anspruch nahm. Im Bild „Lindenallee“ von 1911 kulminieren die Brauntöne vor allem in den Kronen der Bäume. Im Gemälde „Rote Erde“ (1911) ist das Landschaftliche auf einen schmalen Hintergrund reduziert, während die Ackerfläche im farbmalerischen Rot dominiert. Wie sich Böckstiegel von Farben führen lässt, zeigt beispielhaft auch das Werk „Mühle in Deppendorf“ (1912). Nur die Häuser im Hintergrund sind konturiert, ansonsten formen schnelle Pinselstriche Flusslauf, Straßen, Bäume und Himmel zu einer expressiven Ansicht.

Böckstiegel war auf dem Weg. Vor allem der Tagesausflug ins Folkwang-Museum nach Hagen inspirierte ihn. 1909 sah der junge Künstler die Sammlung des Kunstförderers Karl Ernst Osthaus: Originale von Gauguin, Feuerbach, Manet, Cézanne, Renoir, Rodin und van Gogh. „Es war ein Tag größter Offenbarung. Ich glaubte einen Opferaltar betreten zu haben“, schrieb Böckstiegel. Vor allem die Bilder Vincent van Goghs waren ihm wichtig.

Sein Bild „Elternhaus im Winter“ (1910) ist nur noch schemenhaft hinter dem pastosen Auftrag von Weiß zu erkennen. Böckstiegel hält an der klassischen Perspektive einer Winteransicht fest und skizziert mit dünnen Strichen wenige Bäume in Grün. Man spürt, wie ihn die Bildfindung antrieb. Sein „Westfälischer Buchenwald“ (1912) ist ein menschenleeres Dickicht, das die romantische Waldeinsamkeit überwindet. Helles Grün stellt die Bäume in ein zartes Gegenlicht wie auf eine Bühne. Das Gemälde galt 30 Jahre lang als gestohlen. Nun überlässt der Eigentümer, die Westfälische Rentenversicherung, das Werk dem Museum als Dauerleihgabe.

„Das frühe Werk“ bietet eben einige Bilder, die bisher unbekannt waren. Böckstiegels „Selbstbildnis mit Mutter“ war Jahrzehnte unbemerkt auf der Bildrückseite des „Bauernmädchens“ versteckt. Weitere Bilder auf einer Leinwand sind das „Erntefeld“ (1912) und die „Weiden am Bach“ (um 1912). Vor allem „Erntefeld“ mit einem Landmann in Holzschuhen, der sich zwischen Heugarben bewegt, erinnert an van Goghs Motivik. Seine Bilder waren moderne Impulsgeber der Kunst. Die „Sonderbund-Ausstellung“ in Köln 1912, die Böckstiegel besuchte, präsentierte allein 107 Werke des Niederländers. Insgesamt waren 654 Bilder zu sehen. Picasso, Munch, die Vertreter der Künstlergruppen „Brücke“ und „Blauer Reiter“ gehörten dazu, sowie Wilhelm Morgner aus Soest, der zur Abteilung „Zeitgenossen“ der Schau zählte.

Letztlich trieben die Eindrücke Böckstiegel „wieder nach Arrode zur Arbeit“, wie er schrieb. Hier fand der Maler seine Motive, wie „Arbeiter in der Lehmgrube“, oder er befragte sich mit dem Aquarell „Selbstbildnis“ (1913) – und sieht dabei etwas verwegen aus.

Ab November 1913 studierte Böckstiegel an der Kunstakademie in Dresden. Im Sommer kam er immer wieder nach Arrode.

Bis 26. 12., mi – so 12 – 18 Uhr; Tel. 05203/2961220, www.musempab.de

Exkurs in der Schau: Böckstiegels „Steinborn-Relief“ wird als Beispiel für die plastische Arbeit des Künstlers vorgestellt.

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