Die Performance „Stifters Dinge“ bei der Ruhrtriennale

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Die Objekte spielen in der Performance „Stifters Dinge“ von Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale.

Von Edda Breski DUISBURG - Es gibt, sagt der Ethnologe Claude Lévi-Strauss in einem Interview, keine Abenteuer mehr. Die Dinge sind entdeckt, die Menschen an ihren Orten aufgesucht. Die Konsequenz ist für Lévi-Strauss, dass er dem Menschen nicht mehr vertraue. Den Mitschnitt hat Heiner Goebbels in seine Performance „Stifters Dinge“ eingebaut, und man kann, nicht nur für diese skurrile Verbindung von Musik, Theater und Installation, von den Sätzen des französischen Ethnologen eine Programmatik ableiten: Wenn alles entdeckt und getan ist, welche neuen Wege können wir noch finden?

In „Stifters Dinge“, uraufgeführt 2007 in Lausanne, findet Heiner Goebbels, Intendant der laufenden Ruhrtriennale, folgende Antwort: Wir gehen zurück, schauen die Wege an, die gegangen wurden, legen sie über- und ineinander und sehen, wohin sie uns führen.

In der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg sind Schienen verlegt, auf denen sich ein Gerüst bewegen lässt. Darauf sind fünf Klaviere installiert, präpariert mit Roboterarmen, zwischen die Saiten geklemmten Objekten und Player-Vorrichtungen. Sie spielen eine Musikcollage, die fließend Kohärenz herstellt zwischen Bach, Popbeats, Jazz. Klangcluster wie von Conlon Nancarrow begegnen einer Objektästhetik, die an Harry Partch erinnert, dessen „Delusion of the Fury“ in Goebbels Regie die Saison eröffnet hatte. In Wasserbecken entstehen mit Videoprojektion, Dampf und Schaum wunderliche Bilder (Licht, Video, Bühne: Klaus Grünberg). Menschen sind nicht beteiligt, sieht man von zwei Bühnenarbeitern ab.

Das ist der Rahmen für eine Kunst-Collage, die mannigfaltige Anspielungen raffiniert verknüpft. Etwa, als das Gemälde „Der Sumpf“ von Jacob van Ruisdael mit orangenem, rotem und blauem Licht auf eine Reise durch Länder und Kontinente geschickt wird. Einmal wird ein Auszug aus Adalbert Stifters „Eisgeschichte“ vorgelesen. Goebbels verweist in „Stifters Dinge“ auf die Eigenart des Biedermeier-Schriftstellers, in seinen Erzählungen Natur so detailliert zu beschreiben, als male er sie mit Worten nach, und mit diesem Erzählstrom eine eigene Naturästhetik zu definieren. Ähnlich Goebbels: Musik, Bild und Bewegung verbinden sich zu einem Strom von Anspielungen und Zitaten, der eigene Wahrnehmung anstößt.

Jeder Zuschauer wird diese Collage anders wahrnehmen. Jeder erzeugt in seinem Kopf eigene Bilder, etwa, als sandfarbene Vorhänge sich hebend und senkend an tropische Lichtwechsel erinnern. Oder wenn Tropfen in die Becken fallen wie Regen und ein Player-Piano den zweiten Satz aus Bachs Italienischem Konzert spielt. Wer seine Augen anstrengt, sieht über den niedergehenden Tasten den Negativraum tanzen.

Später fährt das Klaviergerüst wie ein Wesen auf die Zuschauer zu, man hört einen Wechselgesang, in dem kolumbianische Ureinwohner das Böse bannen. Das muss man nicht wissen, um von der Ästhetik des Moments beeindruckt zu sein. Man kann hinterher selbst schauen, wie „Stifters Dinge“ als Wundermaschine zusammengesetzt sind. Der Besucher soll, so weit das geht, selbst bestimmen, was er sieht.

bis 6.10., Tel. 02 21/28 02 10, www.ruhrtriennale.de

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