„Paul Wieghardt – Coming and Going“ in Lüdenscheid

Die 1 steht kopf: Paul Wieghardts Bild „Number One Upside Down“ (1951) ist in der Städtischen Galerie Lüdenscheid zu sehen. Fotos: Stiftel

Lüdenscheid – Das Gemälde „Number One Upside Down“ von Paul Wieghardt wirkt wie eine Collage. Man findet Menschen in diesem Bild: Einen Frauenkopf im Stil von Matissse in der Ecke rechts oben, eine Sitzende auf der linken Seite und im Bildzentrum kleine Figuren, Männer vielleicht. Die titelgebende Nummer 1 steht Kopf, und es sieht aus, als hätte jemand einen Zettel aufgeklebt. Tatsächlich ist das alles in einem Stück gemalt.

Wieghardt spielt hier mit den wichtigen Themen der Malerei. So verleiht er dem Bild eine Schlagseite durch den kräftigen Akkord der Komplementärfarben Grün und Rot an der linken Seite, während er gut zwei Drittel der Fläche in eher neutralen Grau- und Brauntönen füllt. Es gibt keine räumliche Perspektive, sondern alles ist in die Fläche gearbeitet, Streifen und Flecken. Und doch hat das Werk Tiefe dadurch, dass er die Größe der Figuren variiert. Der Einsatz kräftiger Farben, das Zusammengesetzte, die Verwendung von Schrift, das weist in diesem Werk von 1951 schon voraus auf die Pop-Art.

Zu sehen ist das Bild in der Ausstellung „Paul Wieghardt – Coming and Going“ in der Städtischen Galerie Lüdenscheid. Das Institut besitzt dank drei Schenkungen große Teile des Nachlasses des Künstlers, der 1897 in Lüdenscheid geboren wurde. Und zu den rund 80 Werken Wieghardts werden nach der Ausstellung weitere aus Privatbesitz hinzukommen, die der Galerieleiterin Susanne Conzen in Aussicht gestellt wurden. Bei der dritten Schenkung vor einem Jahr bekam das Haus von Otto Erich Wieghardt, einem Neffen des Künstlers, auch Dokumente zum Leben. Die Zeit war reif, Werk und Leben einmal gründlich aufzuarbeiten.

Wieghardt, Sohn eines Malermeisters, zeigte schon in jungen Jahren künstlerisches Talent. Aber er besuchte nicht das Gymnasium, sondern absolvierte eine Lehre im väterlichen Betrieb. Er hinterließ keine autobiografischen Texte. Er wurde 1917 in Amiens im Trommelfeuer verschüttet, was ihn so schwer traumatisierte, dass er ein Jahr lang die Sprache verlor. Die Bildung holte er nach, zunächst an einer christlich-sozialistisch geprägten Volkshochschule, dann mit einem Studium an der Kunstgewerbeschule in Köln. 1923 nahm er ein Studium am Bauhaus in Weimar auf, wo er bei Paul Klee, Wassily Kandinsky, László Moholy-Nagy lernte. Allerdings verließ er die Einrichtung schon nach einem halben Jahr. 1925 wechselte er an die Kunstakademie in Dresden als Meisterschüler des Spätimpressionisten Robert Sterl. 1931 hatte er seine Ausbildung abgeschlossen, zog nach Paris, wo er die Bildhauerin Nelli Bär heiratete, die er in Köln kennengelernt hatte. Sie war Jüdin. Bei Kriegsausbruch floh das Paar in die USA. Dort fasste Wieghardt Fuß und übernahm 1946 eine Professur am Art Institute of Chicago. Zu seinen Schülern gehören die Pop-Künstler Claes Oldenburg und Robert Indiana sowie der mehrfache documenta-Teilnehmer Leon Golub. Wieghardt starb 1969.

Mit rund 80 Werken wird Wieghardts Werk in Lüdenscheid von den Anfängen bis in die US-Jahre ausgebreitet. Etwa 20 weitere Arbeiten von Zeitgenossen runden die Darstellung ab. Die Hängung ist grob chronologisch, wovon manchmal aus thematischen Gründen abgewichen wird. Wieghardt hat in vielen Lebensphasen Einflüsse sei es von seinen Lehrern, sei es von der Umgebung aufgenommen. Selbst die kurze Zeit am Bauhaus, von der vor allem Studien aus den Vorkursen zeugen, erwies sich später als prägend.

Zunächst fällt auf, wie Wieghardt in der Dresdner Zeit einen expressiven Sozialrealismus entwickelt. Da wendet er sich dem urbanen Leben zu, malt die Mitfahrer in der Straßenbahn mit kräftigem, lesbarem Strich. Bilder wie „Der grüne Mantel“ (1930) und „ohne Titel (Interieur)“ (o.J.) entwickeln eine erzählerische Spannung. Man sieht jeweils eine junge und eine ältere Frau, ohne Blickkontakt und doch kommunizierend. Bei der ernsten Frau im „grünen Mantel“ könnte es sich um die Kundin einer Engelmacherin handeln. Die Alte im Hintergrund hantiert mit einem weißen Tuch, auf einem Stuhl sieht man eine Schüssel. Die andere Szene zeigt eine junge Frau mit einer breitbeinig stehenden, rauchenden Matrone, vielleicht nur die Vermieterin, vielleicht auch eine Puffmutter.

In Paris hellt sich Wieghardts Palette auf. Die Straßenszenen sind lichtdurchflutet. Dabei sucht Wieghardt eher nicht die touristischen Orte auf, sondern malt eher unauffällige Straßenzüge am Stadtrand („Landschaft I, 1931). Immer wieder stellt er Frauen dar, die ruhen, typisch und sehr souverän die lesende „Dame au chapeau jaune“ (Dame mit gelbem Hut, 1936).

Am spannendsten sind die Bilder, die in den US-Jahren entstanden. Wieghardt gibt die Figuration nicht auf, abstrahiert aber immer mehr. Und er setzt sich mit dem Verhältnis von Fläche und Figur auseinander. Das Bild „Coming and Going“ (o.J.), das der Schau den Titel gab, zeigt keinen perspektivischen Raum, sondern eine relativ gleichmäßig in Rechtecke aufgeteilte Fläche. Zwei Frauen sind etwa gleich groß, aber der Kopf der Rechten, in Rosa gekleidet, von Rosa umgeben, ist kleiner, so dass der Betrachter sie als weiter entfernt, als „hinten“ wahrnimmt. Das Bild strahlt fast meditative Ruhe aus, auch weil die Palette reduziert ist auf Braun-, Ocker-, Weiß- und Rosatöne.

In solchen Bildern spürt man den Einfluss des Bauhauses: Das Motiv tritt in den Hintergrund zugunsten eines klar verfolgten Kompositionsprinzips. Eine Komposition wie „R – I“ (1961) verlässt den Bereich des Gegenständlichen. Diese Komposition besteht aus farbigen Feldern, auf die kleine Akzente gesetzt sind, hier ein grüner Punkt, da ein blau-weißes Ding, das ein Baum sein könnte. Aber vielleicht war auch ein Stillleben Ausgangspunkt dieses Gemäldes.

Es ist ein Glücksfall, dass Wieghardts Werk in dieser Dichte in seiner Geburtsstadt zu sehen ist. Das in seiner Entwicklung spannende und folgenreiche Werk lohnt allemal die Beschäftigung. Das Publikum scheint das ebenso zu sehen: Wegen der großen Resonanz wurde die Schau verlängert.

Bis 19.4., mi – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02351 / 171 496

www.luedenscheid.de/ luedenscheid_erleben/bildung_und_kultur/ galerie/sp_auto_224.php

Katalog, Imhof Verlag,

Petersberg, 19,80 Euro

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