Literatur aus Estland

Paavo Matsins dystopischer Roman „Gogols Disko“

Cover zu Paavo Matsins Roman „Gogols Disko“
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Cover zu Paavo Matsins Roman „Gogols Disko“

Das Opfer eines Taschendiebs ist der tote Dichter Nikolai Gogol. Was nun? Wird die russische Besatzungsmacht den Täter verfolgen? Es beginnt ein Versteckspiel.

Haben Sie Angst vor Russland? In den baltischen Republiken ist das Unbehagen greifbar. Diese Angst intrumentalisiert der estnische Autor Paavo Matsin mit einer kruden Geschichte, um auf verschrobene Weise den Culture-Clash in seiner Heimat vorzuführen.

Die Stadt Viljandi südlich von Tallinn ist der Spielort für „Gogols Disko“. Wieder hat das russische Zarenreich Estland besetzt. In Viljandi hocken Kriminelle, Musiker und Intellektuelle beieinander. Als der Taschendieb Opiatowitsch einen dürren Kerl in der Straßenbahnausnimmt, stellt sich heraus, dass diese müffelnde Erscheinung Nikolai Gogol sein muss, der tote Dichter. Aus Angst vor der Besatzungs-macht soll Gogol festgesetzt werden, in einer Bar. Opiatowitsch passt auf, aber trinkt zuviel Stolichnaya und träumt sich nach Moskau, bis Wasja Koljugin übernimmt. Der Beatles-Fan fantasiert von einem Schloss mit Yellow Submarine. Sänger Arkascha klagt: „Was für eine Jerundischa.“ Im Anhang ist der Begriff übersetzt: „Blödsinn“. Ein Panoptikum von Figuren tummelt sich in den absurden Szenarien.

Paavo Matsins Fantastik ist bizarr, aber zu wenig geführt, als dass sie eine eigene Magie in der Dystopie entwickeln würde. Das nervt. Weshalb sitzt Gogol meist auf Toilette? Wer braucht eine Warnung vor Russland? Wladimir Putin hat nach der Krim-Annektion, den Kämpfen in der Ost-Ukraine und mit seiner verlängerten Präsidentschaft Fakten geschaffen. Zu Matsins Entlastung sei angeführt, er schrieb „Gogols Disko“ im Jahr 2015. Paavo Matsin: Gogols Disko. Roman. Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann. Homunculus Verlag, Erlangen.176 S., 21 Euro.

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