Orffs „Prometheus“ bei der Ruhrtriennale

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Schatten am Fels: Wolfgang Newerla und Statisten im „Prometheus“ bei der Ruhrtriennale. ▪

Von Edda Breski ▪ DUISBURG–Was bleibt, wenn ein Mythos auserzählt ist, die Figuren zurücktreten ins Dunkel der Überlieferung? Der Samoaner Lemi Ponifasio hat in seiner Inszenierung von Carl Orffs „Prometheus“ ein denkwürdiges Bild gefunden: Eine kraftvolle Gestalt bläst Rauch aufwärts. Ein halbfigürlicher Schleier bleibt über der Szene stehen.

Der „Prometheus“ ist die zweite große Inszenierung der Ruhrtriennale und nach John Cages „Europeras 1&2“ wieder ein gigantisches Werk, dessen Form und Inhalt mit Erwartetem bricht. Verantwortlich ist mit Ponifasio einer, der aus dem Tanztheater kommt und westliche Rezeptionsgewohnheiten zugunsten eines grundsätzlichen, bewusst nicht intellektuellen Ansatzes bricht – ein Leitthema dieser Saison.

Ponifasio kondensiert Orffs radikale Semiotik. Orff verstand den „Prometheus“ 1968 auf Zeichenebene. Sein Orchester vereint Schlagwerk aus der ganzen Welt, die Klangmischungen wirken zugleich modern und archaisch. Den Text des „Gefesselten Prometheus“ von Aischylos übernahm er er ungekürzt, eine Übersetzung ist untersagt. Die Bedeutungsebene des Textes bleibt verschlossen, denn auch den Sprechrythmus des Altgriechischen brach Orff auf. Deklamation in Kunst-Rhythmus konfrontierte er mit ursprünglich-direktem Orchesterklang.

Ponifasios fließende Bilder bleiben ebenso konsequent zeichenhaft. Sie wechseln in dem palasthaft hohen, schwarz spiegelnden Raum von Fahlgrau zu Grellbleich und Grün. Selten rückt ein Spot Arme und Beine ins Licht. Ponifasio inszeniert distanzierte Körperlichkeit: Auch Körper sind Zeichen.

Sekundenlangsam fließt Wasser nach vorne, das Diener über einen ausgestreckten Körper gegossen haben: Prometheus in Effigie. Ponifasio verdoppelt den Prometheus und die Io durch Darsteller aus seiner MAU Company. Unendlich wandeln die Okeaniden (Chorwerk Ruhr und Statisterie), Frauen mit hellem Haar, in langer Reihe die Bühne ab. Ponifasio illustriert gut: Die Okeaniden sind die Töchter des Allstroms, ihre Natur ist Fließen. Sie entziehen sich dem Einfluss der Götter, der Prometheus und Io Unheil gebracht hat. Wunderschön ist der tiefengestaffelte Klang des Chores (Einstudierung: Florian Helgath).

Ein Mensch geht auf allen Vieren, mit schwingendem Rücken wie ein Primat. Ganz am Ende richten sich Menschen auf, ihre Schatten berühren eine erdfarbene Wand – Platon lässt grüßen. Sie erleben Prometheus‘ Schicksal zum ersten Mal aufrecht.

Die Gestalt, die Rauch gen Himmel bläst, steht für zweierlei: Verehrung und Trotz gegen die Götter. Mythos ist Infragestellen und Bestätigen zugleich. Ponifasios langsamer Fluss begleitet und wirft Spiegelbilder. In Frage stellen will Ponifasio nicht, da bleibt er radikal. Ob das bei einem solchen Riesenwerk reicht, ist zumindest diskutabel.

Musikalisch ist die Aufführung überwältigend: Peter Rundel hält das Orchester aus Mitgliedern der musikfabrik, des jungen Perkussionistenensembles Splash und des Orchesterzentrums NRW streng zusammen, und die Musiker bieten pure Energie.

Der Bariton Wolfgang Newerla gestaltet die Titelrolle in Teilen interessant. Er hat eine beeindruckende, leuchtfähige Höhe und vermag bestechend zu phrasieren; zuweilen kommt er ins Spielen und findet in der Deklamation Nuancen, etwa im liturgisch wirkenden Anfangsmonolog, in dem er Facetten von Hohn und Wut findet. Zu vieles klingt opernhaft schön. Dramatische Wucht und Präsenz verleiht die aus dem Mezzo- ins hochdramatische Sopranfach gewechselte Brigitte Pinter der Io Inachis: Ihre Klage ist Anklage.

18., 21., 23., 25., 27.9.,

Tel. 07 00/20 02 34 56,

http://www.ruhrtriennale.de

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