Olaf Kröck startet Ruhrfestspiele mit „Poesie und Politik“

Abheben wollen die Ruhrfestspiele mit dem neuen Schwerpunkt „Tanz“. „Grand Finale“ kommt vom Hofesh Shechter Company aus Israel. Foto: rahi rezvani

Recklinghausen – Olaf Kröck ist neu am grünen Hügel. Der Intendant der Ruhrfestspiele hat seinen erfolgreichen Vorgänger Frank Hoffmann ablöste. Kröck will gegenwärtig sein, das heißt, im Theaterraum einer globalen Entwicklung vorbeugen, die das Einfache und Manipulative über die reale Vielfalt stellt. „Poesie und Politik“ ist sein Motto, sein Startpunkt für ein Programm mit 90 Produktionen und rund 210 Veranstaltungen. Vom 1. Mai bis 9. Juni sind die 73. Ruhrfestspiele eine Woche kürzer.

Die Geldgeber, unter anderem die Stadt Recklinghausen, der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Konzern Evonik, haben einen Etat von knapp sechs Millionen Euro zusammengelegt, das ist etwa eine Million weniger als 2018. Hollywoodstars wie einst Cate Blanchett, Bill Murray oder John Malkovich sind nicht dabei. Das Festival verändert sich.

Bei der Programmvorstellung im Festspielhaus bedankt sch Kröck für die substanzielle Unterstützung in Recklinghausen und die „guten Gespräche“. Gerade weil das Theater die Gegenwart wahrnehme, sei es auch immer politisch, sagte Kröck. Er bezieht sich auf den britischen Bühnenstar Peter Brook und seinen Text „Der leere Raum“. Brook, mittlerweile 94 Jahre alt, ist mit „The Prisoner“ in Recklinghausen vertreten. Es geht in dem Stück um einen jungen Mann, der eine Tat zu sühnen hat und dies vor einem Gefängnis tun soll („Bewahre das Gefängnis in Dir“).

Kröck horcht auf neue Trends, will aber die Stärken des Theaterfestivals nicht vernachlässigen. Kurz gesagt: Es wird mehr getanzt. Gleich die Eröffnung ist nicht dem Sprechtheater vorbehalten. Im letzten Jahr war Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ vom Wiener Burgtheater zu sehen. Am 3. Mai heißt es „Beytna“. Das Tanzstück des libanesischen Choreografen Omar Rajeh und dem Maqamat Dance Theatre kommt ins Festspielhaus. Das arabische Wort meint den Moment, den ein Gast spürt, wenn er das Haus des Gastgebers betritt. Aus dieser Willkommenskultur macht Rajeh ein Spiel der Gegensätze und Vereinigungen. Vier Tänzer treffen sich auf der Bühne, dem „Haus“, und versuchen gemeinsam zu tanzen. Jeder bringt eine andere Kultur, einen anderen Tanz mit. Und parallel dazu wird Fatouch gekocht – im „Haus“, also auf der Bühne. Es gibt arabische Live-Musik. Und vor dem Bühnentanz findet ein weiteres Novum statt: eine Eröffnungsrede. Die Schriftstellerin Judith Schalansky („Verzeichnis einiger Verluste“) spricht über das Abwesende, das anwesend ist. Mit Blick auf das Ende des Steinkohlebergbaus thematisiert das Festival seine Geschichte.

Der Programmpunkt „Neuer Zirkus“ weist den eigenen Anspruch gleich aus. Zirkus sei eine boomende Kunstform, sagt Olaf Kröck. Und weil diese Kunstform – Vorreiter war der „Cirque de Soleil“ – bei Geldgebern, Förderern und Publikum immer beliebter wird, sind gleich acht Produktionen gebucht. „Boutelis“, zum Beispiel, ist eine Deutschlandpremiere, die mit Flugdrachen, magischen Momenten und ohne Sprache düstere Träume bewegt. Die Compagnie Lapsus aus Frankreich, wo die Zirkus-Kultur sehr verbreitet ist, bietet Artistik, Jonglage, Halluzinationen und Fantasie.

Was früher „Fringe“-Festival hieß, und immer etwas unverständlich geblieben ist, meint Olaf Kröck, verteilt sich auf Musik sowie Kinder- und Jugendtheater. Es gibt Produktionen für alle Altersklassen.

Zentraler Schwerpunkt der Ruhrfestspiele bleibt aber das Schauspiel. Zum Beispiel kommt Karin Beiers Inszenierung „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ mit Maria Schrader und Devid Striesow vom Schauspielhaus Hamburg. Eine Werkschau mit drei Arbeiten des Mülheimer Intendanten Roberto Ciulli ist im Programm und eine Hommage an Heiner Müller. Seine letzte Regiearbeit „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ nach Brecht – seit 24 Jahren von Martin Wuttke gespielt – ist in Recklinghausen zu sehen. Und der Weltbestseller „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Regie zu diesem Gefühlskrimi über das Leben eines „missbrauchten Menschen“ führt Ivo van Hove. Eine Koproduktion mit dem Internationalen Theater Amsterdam und ein Höhepunkt.

„What is the City but the People?“ sagt eigentlich, was ist die Stadt anderes als die Menschen in ihr? Nach Jeremy Deller, Konzeptkünstler, werden 100 Recklinghäuser, die vorher den Milieus nach ausgewählt wurden, den Cat-Walk der Bürger vollziehen. Es gibt Musik, Lebensbilder und Viten zu hören. Das Konzept hat am 4. Mai, 17 Uhr, Deutschlandpremiere.

Literatur war immer ein wichtiges Thema. Mit dem Kritiker Denis Scheck ist eine Reihe gegründet worden, die Herta Müller (66), Literaturnobelpreisträgerin, Georg Stefan Troller (98), Publizist und Autor, sowie Louis Begley (86, „Lügen in Zeiten des Krieges“) im Dialog vorstellt.

Die „junge szene“ wird auf der Zeche König Ludwig 1/2 stationiert. Zu sehen ist Henrike Iglesias, die fragt, wieviel Sexismus in einem Burger steckt. Bei „Fressen“ geht es um Körperbilder, schlechtes Gewissen, eine Kochshow. Und erstmals treten die Ruhrfestspiele als Produzenten in Erscheinung. Hinter dem „OWELA-Festival“ stecken acht Künstlerinnen aus Namibia, die fragen, wie digitale Arbeit die Zukunft der Arbeit verändert? Es gibt Video, Tanz und Performance. Kröck sagt: „Wir forschen in der Arbeitswelt.“ Der Intendant hat noch viele Pläne. Auch die bildende Kunst soll mehr berücksichtig werden – wohl im nächsten Jahr.

Tel. 02361/9180

www.ruhrfestspiele.de

Ausgewählte Produktionen der 73. Ruhrfestspiele

1. Mai: Volksfest auf dem Festspielhügel in Recklinghausen. Start der Reihe „Partei ergreifen!“ in der Bar42 im Festspielhaus: Themen wie Kinder, Europa, Demokratie werden mittwochs besprochen.

3. Mai: Beytna ist ein Tanz-Spiel-Stück von Omar Rajeh und dem Maqamat Dance Theatre aus dem Libanon. Ein Fest, ein Ritual, eine Geste der Gastfreundschaft. Und es wird arabisch gekocht.

4. Mai: What Is the City but the People? (Shakespeare-Zitat) 100 Recklinghäuser Bürger treten vor dem Rathaus auf. Nach einer Idee von Jeremy Deller. So sind die Menschen dieser Stadt.

8. Mai – 4. Juni: Kabarett mit Steffen Müller, Chin Meyer, Wilfried Schmickler, Abdelkarim u. a.

9. – 12. Mai: The Prisoner von Peter Brook und Marie-Hélène Estienne. Koproduktion mit dem Théâtre des Bouffes du Nord Paris, das eine Story aus Afghanistan ins Kleine Haus bringt.

17. Mai: Dschabber von Marcus Youssef ist eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die vom Grips Theater aus Berlin kommt.

17. – 19. Mai: Ein wenig Leben nach dem Roman von Hanya Yanagihara, Regie Ivo van Hove. Bei der Premiere in Amsterdam ging es um einen „missbrauchten Menschen“. Hochgradig intensiv.

28. – 30. Mai: Un Poyo Rojo zeigt zwei Argentinier, die mit Körper-Theater den Maschismo ihrer Gesellschaft hopps nehmen.

28. – 30. Mai: Oh Oh, Compagnie Baccalà aus der Schweiz. Das Clownsgenre wird neu justiert. Chaplin lässt grüßen, mit Akrobatik und für die ganze Familie. Eine Deutschlandpremiere.

28. – 31. Mai: Süßkinds Der Kontrabass wird von Roland Riebeling gespielt, der als Assistent im Kölner „Tatort“ gerade gefeiert wird.

29. Mai: Hüller trifft Hauschka ist eine Lesung mit Musik. Die Schauspielerin („Toni Erdmann“) und der Pianist, der minimalistische Musik komponiert und den Soundtrack zu „Babylon Berlin“.

4. – 6. Mai: The Great Tamer bezeichnet der griechische Choreograf Dimitris Papaioannou als „absurden Zirkus“. Es geht um Bilderströme, die unsere Gegenwart mit philosophischen Begriffen der Antike konfrontieren. Hochgelobte Tanzproduktion.

9. Juni: Fête Surprise. Große Abschlussparty, auf der Lars Eidinger einer der DJs sein wird.

Kunsthalle Recklinghausen zeigt Penny Hes Yassour. Temp EST vom 5. bis 14. Juli.

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