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„Ödipus, Herrscher“ am Schauspielhaus Bochum

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Von: Achim Lettmann

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Jokaste (Elsie de Brauw) hält die streitenden Ödipus (Steven Scharf, links) und Kreon (Stefan Hunstein) auf Distanz.
Zwischen den Männern: Jokaste (Elsie de Brauw) hält die streitenden Ödipus (Steven Scharf, links) und Kreon (Stefan Hunstein) auf Distanz. Szene aus „Ödipus, Herrscher“ in Bochum. © Michael Saup

In einer Bochumer Fassung wird Jokaste in dem Stück „Ödipus, Herrscher“ nach Sophokles zu einer neubewerteten Figur des antiken Mythos.

Bochum – Die ersten Worte spricht eine Frau. Jokaste, Ehefrau des Ödipus und Mutter vier gemeinsamer Kinder, beklagt den Zustand Thebens. Die Menschen sind erkrankt, Wasser fehlt, selbst die Toten müssen anstelle einer Grablegung verbrannt werden. Wie kann die Katastrophe beendet werden? Das Orakel des Apollon fordert, den Mörder des Laios zu bestrafen, den Herrscher über Theben und Ödipus’ Vorgänger. Die Tat vor über zwanzig Jahren war nie gesühnt worden.

Im Schauspielhaus Bochum steht in „Ödipus, Herrscher“ nach Sophokles die Ermittlung der unsagbaren Schuld des griechischen Herrschers im Mittelpunkt. Mit Textauszügen von Heiner Müller haben Mieke Koenen, Susanne Winnacker und Elsie de Brauw, die selbst Jokaste spielt, eine eigene neue Fassung geschrieben. Sie fragten sich, wie es der Frau erging, die mit ihrem Sohn vier Kinder zeugte und gewahr wird, dass dieser Ödipus ihren ersten Mann erschlug. Seinerzeit gab sie den erstgeborenen Sohn weg, weil Laios prophezeit war, durch die Hand seines Sohnes zu sterben. Die Prophezeiung erfüllte sich. Und die Spielfassung in Bochum folgt der Dramaturgie Sophokles’, wonach sich Ödipus schrittweise als Vatermörder und Liebhaber seiner Mutter erkennt.

Steven Scharf zeigt Ödipus nicht als Tyrannen wie in der griechischen Klassik. Tastend auf Strümpfen betritt er die glatt-glänzende Spielfläche, die so rot schimmert, wie ein Vorhang in der Bühnentiefe, der die blutige Farbgebung zur Totalen noch steigert. Davor ist ein Ensemble aufgezogen, das wie als Scherenschnitt scharf konturiert ausharrt und sich bereithält. In der minimalistischen Einrichtung (Bühne: Jadja Sofie Eller) versetzen die kunstvollen Kostüme von Greta Goiris die Darsteller in ihre Rollen. Der blinde Seher Teiresias erscheint in einem Reifrock aus schwarzen Federn mit dunkler Kappe wie ein alter Vogel. Langsam schiebt er sich an Ödipus heran: „Der Missetäter bist Du.“ Pierre Bokma zelebriert den Vorwurf als unumstößliche Wahrheit. Der Dialog mit Ödipus ist ein Thrill auf Messers Schneide, so fühlbar stehen politische Macht und Götterweisung voreinander.

Die Inszenierung von Johan Simons entfaltet die Schicksalsdimension dieser Tragödie in fein geschnittenen wie spannungsvollen Dialogen. Hinzu kommt eine Körperlichkeit, die nicht einer kruden Archaik nachspürt, sondern innigliche Gefühle visualisieren will. Nach Teiresias Mordanschuldigung winden und krümmen sich Ödipus und Jokaste ohnmächtig und verzweifelt am Boden. Die Tätersuche bringt beide langsam auseinander. Auf einem Videokasten über der Spielfläche sind ganzformatige Nacktbilder zu sehen. Beine, Arme, Brust und Bauch reiben aneinander, ohne animierend erotisch zu sein. Trommelschläge, sphärische Klänge und ein metallisches Grundrauschen (Musik: Mieko Suzuki, Lukas Tobiassen) verstärken den Fortgang der Tragödie.

Ödipus wird unsicher. Steven Scharf gibt ihn als unerbittlichen Ermittler, der sich ins eigene Fleisch schneidet und seine Zuversicht nach und nach einbüßt. Er begegnet Kreon mit Unterstellungen, auf das seine Frau einschreitet und für den eigenen Bruder spricht. Stefan Hunstein akzentuiert Kreon als diffiziles und selbstgerechtes Mitglied der Herrscherfamilie.

Steven Scharfs Spiel macht aus dem Ödipus-Mythos ein Analysedrama: „Ich muss wissen, wo ich herkomme.“ Als der Hirte erklärt, dass er das Kind aus Laios’ Haus weitergegeben hat, weiß Ödipus um seine Herkunft und seinen Vatermord. Er atmet schwer. Über Lautsprecher wird die psychische Last seiner schwindenden Existenz im ganzen Theater hörbar.

Neben Steven Scharf ist eigentlich Elsie de Brauw die Schau der Bochumer Inszenierung. Die Niederländerin gibt Jokaste den Stolz und Sachverstand einer modernen Frau, die sich Mann, Familie und Stadtstaat verpflichtet fühlt. Sie hört die Streitenden, stellt sich dazu, um sie zu mäßigen, streicht sich durchs Haar, damit sich die Herren fassen und Respekt entwickeln. Sie ist nun auch da.

Es sind die Einwände, mit denen Frauen schon immer partizipiert haben, wenn der Mann in die Defensive gerät. Mut macht sie Ödipus mit geballten Fäusten, hat sie doch ihren Erstgeborenen weggeben. Wer soll dann Laios ermordet haben? „Küss mich“, sagt Elsie de Brauw klar und kalkuliert, um Ödipus zu beruhigen. Sie komplettiert mit zeitgenössischer Attitüde den antiken Ödipus. Jokaste kommt im Ausgangstext kaum vor. Am Ende erhängt sie sich bei Sophokles, weil sie das Unglück des Ehemannes nicht aushält. Aber was ist mit den vier Kindern und dem Volk Thebens, dem sie schon als Frau des Laios eine Landesmutter war?

In „Ödipus, Herrscher“ kann sie ihren Mann auch nicht halten („Ich beschütze unser Glück vor jedem Gott“). Ödipus sticht sich die Augen aus und erliegt den Göttern. Aber in der Bochumer Fassung begeht Jokaste keinen Selbstmord. „Du solltest Dich aufhängen!“, fordert der blinde Ödipus. „Ich?“, spricht Jokaste auch das letzte Wort der brillanten Inszenierung.

1., 24.11.;

Tel. 3333 5555; www.

schauspielhausbochum.de

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